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Vorsichtig ! Deprimierend...

Wach werden

(1985)

von Thomas Siebe

Er wartete auf den Bus in Richtung Stadt, durchnäßt und verwirrt, unfähig, zielgerichtet zu denken. Am Morgen war er früher als gewöhnlich erwacht und aufgestanden, hatte gefrühstückt, alles lief wie in einem Schema entworfen, Tag um Tag. Dies fiel ihm auf, als er mit einer Bewegung, die ihm eigen war, die Tasse zum Mund führte. "So", dachte er, "trinke ich nun seit Jahren Morgen für Morgen," und es wurde ihm kalt bei dieser Entdeckung, ein physischer Prozeß, der seine Haut überzog. Hier am Tisch, beim Frühstück überkam ihn die Verwirrung, in Gedanken zog der beginnende Tag in seiner ganzen Länge an ihm vorbei und unterschied sich nicht von der Vergangenheit.

Am Busbahnhof setzte er sich jedoch versehens in den Bus einer anderen Linie, die nur im Stadtrandbereich verkehrte. Er bemerkte es rechtzeitig und als er ausstieg, begann der Regen, der die Sonne, eine Postkartenkitschsonne ertränkte.

Verwirrt begann er in Richtung Stadt zu gehen anstatt den richtigen Bus zu erwarten. Es war, als wäre er unfähig, seinen Irrtum vor der Öffentlichkeit zu offenbaren. Schon nach wenigen Metern erkannte er die Unsinnigkeit seines Verhaltens und machte sich zum Vorsatz, an dem nächsten Haltepunkt der Stadtlinie auf den Bus zu warten. Doch war er unfähig innezuhalten, er überlief die Haltestelle. Wieder erkannte er, daß es rational und vernünftig gewesen wäre, umzukehren und sich zu den anderen wartenden Fahrgästen in regnerischen Wind zu stellen.

Während er der nächsten Haltestelleauf der Strecke in die Stadt zustrebte, fuhr der Bus, den er üblicherweise benutzte, an ihm vorbei. Schließlich erreichte er den nächsten, menschenleeren Busstop und las vom Fahrplan ab, daß der nächste Wagen um 8:35 kommen würde. So wartete er, der Regen hatte aufgehört, Dunst stieg auf, doch die Sonne schien nicht mehr. Die Zahl der passierenden PKW schien abzunehmen, kein lebendes Wesen war schließlich mehr in seiner Sichtweite. Nur wenige Häuser säumten die Straße, wirkten bedrohlich einsam und verlassen, teilweise schienen sie wie nie fertig gestellte Neubauten. Der Zeiger seiner Uhr hatte die 35. Minute der neunten Stunde überschritten und die Welt erschien ihm tot. Der Bus kam nicht, war auch in der Ferne der langgestreckten Hauptstraße nicht zu erkennen, keine Automobile, keine Fußgänger.

Die wenigen Häuser wirkten wie tot niedergefallene Urzeitwesen, aus denen gläsernes, mit Schlamm vermischtes Blut strömte und der Regen begann verstärkt wieder einzusetzen.

Um 9:00 - wie er feststellte - fielen abrupt keine Tropfen mehr und keine Bewegung war mehr in seiner Umgebung. "Die Stadt ist tot !" dachte er und kein Mensch war ihm nahe. Entsetzlich leer erschien alles, keine Mechanismen, Prozesse, Perspektiven. Vier Minuten nach neun näherte sich immer hörbarer werdend ein Lastzug, war das Einzige, was an Objekten zu erkennen war. Bedrohlich vergrößerte er sich und die Fahrgeräusche wurden zum tosenden Stakkato von Achsen und Rädern. Der Punkt in der Leere wurde zu einer monströsen Fassade und in der fünften Minute der neunten Stunde überrollte der Lastwagen den auf die Fahrbahn Tretenden.

Copyright Thomas Siebe © 2002

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