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Raymond Cattell

Cattells Definition von Persönlichkeit ist recht einfach: "Persönlichkeit kann als das Verhalten eines Menschen in einer bestimmten Situation definiert werden", dagegen ist seine auf diese Definition und die Methode der Faktorenanalyse gestützte Theorie sehr komplex und umfassend. Nach Cattell ist konkretes menschliches Verhalten auf eine begrenzte Anzahl von Wesenszügen oder Eigenschaften zurückzuführen. Die individuelle Identität des Menschen ergibt sich aus der spezifischen Zusammensetzung dieser Eigenschaften und ihrer Manifestation im Verhalten. Eine weitere Grundannahme ist die multiple Determiniertheit menschlichen Verhaltens: Ein Verhalten ist in der Regel auf mehrere Einflußfaktoren zurückzuführen. Da Cattells Ziel letztlich ist, die gesamte inter- und intraindividuelle Verhaltensvariation als eine Funktion von Reiz- und Organismusvariablen zu erklären, ist die Grundhaltung deterministisch. Damit muß seine Theorie in das mechanistische Modell eingeordnet werden. Grob strukturiert muß zwischen strukturellen und prozessualen Aspekten seiner Theorie unterschieden werden, wobei die Struktur dem Verhalten zugrundeliegende Eigenschafts- und Zustandsdimensionen erfasst, während der prozessuale Aspekt die Mechanismen skizziert, die das Verhalten im zeitlichen Ablauf ändern.

STRUKTUR:
Mittels der Methode der Faktorenanalyse synthetisiert Cattell Verhalten aus einer Reihe grundlegender Eigenschaftsdimensionen, die er in drei Hauptbereiche oder Domänen der Persönlichkeit einteilte, die sich an der Fragen des Wie ?, Warum ? und Womit ? des Verhaltens orientieren. Die Persönlichkeitsdomänen betreffen also die
Temperamentsstruktur
Motivstruktur
Fähigkeitsstruktur
Aus diesen drei Domänen mußte Cattell die jeweils grundlegenden Eigenschaften extrahieren, die die Totalität der Persönlichkeitsstruktur ausmachen und grundlegend das Verhalten determinieren. In der formalen Spezifikationsgleichung stellt sich ein Verhalten V einer Person i in der Situation j folgendermaßen dar:
Vij= bj1 * M1i + .... bjk(M) * Mki + bj1 * T1i + .... bjk(T) * Tki + bj1 * F1i + .... bjk(F) * Fki
M steht dabei für Motiv, F für Fähigkeit und T für Temperamentseigenschaft. In der Situation j kommt die Eigenschaft (M,T oder F = Eigenschaftskennwerte) mit dem Gewicht bj zum Tragen (Verhaltensindex). Das Problem Cattells bestand darin , ein System von Eigenschaften zu finden, daß dem weitest möglichen Bereich verschiedener Verhaltensweisen und Situationen zugrundeliegt. Er entwickelte das Konzept der Persönlichkeitssphäre (Totalität menschlichen Verhaltens), die alle Verhaltensweisen umfasst, die an Personen überhaupt erfasst werden können. Methodisch bezog er sich dabei auf drei Datenquellen:

L-Daten: (Lebensprotokolle) Damit sind grundsätzlich alle Fremdberichte über die Person gemeint, von Lebenslauf üder alltägliche Lebenspraxis bis zu Karteiinfos und Einschätzungen von Freunden oder Angehörigen. Dabei handelt es sich um objektive Daten.
Q-Daten: (Questionaire) Dies umfasst Selbstauskünfte, die von der untersuchten Person mittels Selbsteinschätzungen im semantischen Differential oder Alternativfragen gegeben werden. Dabei handelt es sich naturgemäß um subjektive Daten.
T-Daten: (Testdaten) Hier werden Infos über die Person in Situationen mit standardisierten Anforderungen gesammelt und zwar mittels Tests, wo z.B. Aufgaben gelöst werden oder etwas nachgezeichnet wird etc. (Kennt man ja!). Diese Daten sind objektiv und nach Cattell ziemlich immun gegen Verfälschungen.

Temperamentsstruktur

Um die Persönlichkeitssphäre der Temperamentsstruktur zu erfassen, nahm Cattell seinen Ausgang bei der Sprache. Aus einem Lexikon für Eigenschaftbezeichnungen nahm er rund 4000, eleminierte die Synonyme und gelangte zu 171 Eigenschaftelementen. Indem er die Eigenschaftselemente interkorrelierte, kam er über mehrere Reduktionsschritte zu 35 sogenannten Oberflächeneigenschaften. Nun ließ er anhand dieser Eigenschaftsliste zwei Beurteiler eine Stichprobe von 200 Männern (typisch!) einschätzen. Diese gemittelten Einschätzungen wurden einer Faktorenanalyse unterzogen, worauf Cattell zwölf Faktoren erhielt. Diese zwölf im L-Datenbereich gefundenen Grundeigenschaften der Temperamentsstruktur sind auch später immer wieder gefunden worden. Cattell wandelte diese zwölf Faktoren in Fragen und Feststellungen um und testete sie nun im Q-Bereich, wo sich neben den 12 Faktoren der L-Ebene auch noch Faktoren fanden, die in o.g. Bereich nicht anzutreffen sind. Daraus entwickelte er einen Persönlichkeitsfragebogen, in dem 15 Skalen dem Temperamentsbereich, eine dem Fähigkeitsbereich (Intelligenz) zuzurechnen ist. 12 Skalen waren sowohl im L- wie im Q-Datenbereich zu finden, 4 nur im Q-Datenbereich. Kurze Skizze der erhobenen Faktoren:
Cattells faktorenanalytische Persönlichkeitstheorie
A) Affektothymie: Warmherig, extravertiert,unkompliziert vs. reserviert,kritisch, abgesondert
B) Intelligenz: Geistige Kapazität, Auffassungsgabe, intellektuelle Anpassungsfähigkeit
C) Ich-Stärke: stabil,überlegt,realitätsbezogen vs. labil, leicht erregbar, unstete Verhaltensdisp.
E) Dominanz: Bestimmtheit,Selbstbehauptung,Anmaßung vs. Unterwürfigkeit,Nachgiebigkeit
F) Überschwenglichkeit: Unbekümmert,optimistisch vs. ernst,besorgt-nachdenklich
G) Über-Ich-Stärke: Gewissenhaft, pflichbewußt, beharrlich vs. unbeständig,nachlässig
H)Soziale Initiative: zugänglich,gesellig,sozial aktiv vs. scheu,schüchtern, sozial zurückgezogen
I) Feinfühligkeit: Sensibel, zartbesaitet vs. hart, unsentimental
L) Argwohn: Mißtrauisch, unversöhnlich vs. Vertrauen, Verständnis
M) Unbekümmertheit: Phantasie, Einfallsreichtum vs. nüchtern, konventionell
N) Gewandtheit: anpassungsfähig, rational vs. naiv,spontan
O) Schuldneigung: ängstlich, besorgt,skrupolös vs. Unbesorgt, unkompliziert
Im Q-Datenbereich: Q1) Progressivität: Experimentierfreudig, eher liberal vs. konservativ, traditionell Q2) Eigenständigkeit: Entscheidungsunabhängigkeit vs. Mitläufertum Q3) Selbstkontrolle und Q4) Nervöse Spannung .
Diese 16 Skalen sind natürlich nicht unabhängig voneinander, sondern weisen ebenfalls Korrelationen auf. So können diese Primärfaktoren einer weiteren Faktorenanalyse unterzogen werden , worauf Cattell 8 Sekundärfaktoren erhielt: z.B. umfasst der Sekundärfaktor Extraversion die Primärskalen Affektothymie (A), Überschwenglichkeit(F), soziale Initiative(H) und geringe Eigenständigkeit (Q2-) und der Primärfaktor Gefühlsbetontheit setzt sich zusammen aus Affektothymie (A), Feinfühligkeit (I) und geringe Gewandtheit (N-).
Cattell setzte diese Methode auch im Kinder- und Jugendbereich ein und fand, daß z.B. bei 4-8 jährigen sich nur 8 der 16 Temperamentsdimensionen zeigten und im Verlaufe des Alters die Temperamentsdimensionen Veränderungen unterworfen sind. Cattell hat später zu den 16 Faktoren noch 7 hinzugefügt (nun sinds 23 Temperamentsdimensionen) und auch Tertiärfaktoren extrahiert (Womit bis jetzt niemand so recht was anfangen kann). Auch für pathologische Persönlichkeitsstrukturen hat er im Q-Datenbereich einen besonderen Fragebogen verfasst
Im T-Datenbereich fand Cattell 21 Faktoren erster Ordnung, z.B. Extraversion vs. Intraversion, Angst vs. Anpassung, Lebhaftigkeit vs. Passivität. Dazu wandte er eine Unzahl, z.T. auch psysiologischer Einzeltests an. Auch hier wurden wieder Sekundär- und Tertiärfaktoren gefunden.

Motivstruktur
Motiviertes Verhalten äußert sich laut Cattell in Einstellungen einer Person gegenüber Objekten: Unter bestimmten Umständen (Reizsituation) möchte (Interesse,Bedürfnis) ich (Organismus) so sehr (Motivintensität) mit einem bestimmten Objekt (relevantes Objekt) etwas Bestimmtes tun (spezifisches Handlungsziel). Für Cattell sind zwei unabhängige Aspekte des Motivgeschehens wichtig:

Komponenten der Motivintensität (In welche Einflußgrößen läßt sich beobachtbare Motivintensität zerlegen?) Dabei geht Cattell davon aus, daß für ein Verhalten mehrere Motivkomponenten verantwortlich sind, z.B. kann es sich aus einer bewußten und unbewußten Komponente zusammensetzen. So machte er sich auf der Basis von Verhaltensäußerungen auf die Suche nach Indikatoren für den Ausdruck des Interesses oder Bedürfnisses an etwas und fand 68 Motivindikatoren, die als Prinzipien zur Erfassung von MOtivintesität angesehen werden können (Hauptsächlich Wahrnehmungs- und Gedächtnistests od. physiologische Maße), also aus dem T-Datenbereich. Bei einer Faktorenanalyse der verschiedenen Testprinzipien ergaben sich 7 verschiedene Motivkomponenten, benannt von a bis e. Hieraus zog Cattell zwei Sekundärfaktoren, die er als integrierte Motivkomponente und unintegrierte Motivkomponente bezeichnet. Hier könnten sie analog mit dem psychoanalytischen Realitätsprinzip (eher bewußt) und dem Lustprinzip (unbewußt, spontan) verglichen werden

Inhaltliche Dimension der Motivstruktur (auch dynamische Struktur), auf die Verhalten zurückgeführt werden kann. Auch hier kam er über die Faktorisierung von einer Vielzahl von Einstellungen zu zwei verschiedenen Klassen von Motivdimensionen:
Triebe: Definiert als angeborene reaktive Tendenz, deren Verhalten auf eine bestimmte Zielaktivität gerichtet ist und mit einem konsumatorischem Akt endet. Diese emotionalen Erfahrungen sind eher ichbezogen mit dem Endprodukt der Triebbefriedigung.
Motivziele: Diese Klasse (sozusagen sekundäre Triebe) ist eher auf Objekte und Aktivitäten ausgerichtet, die in einem sozialen Kontext stehen. Um die Motivziele zu befriedigen, wirken in der Regel mehrere Triebe zusammen
In einem dynamischen Gitter bzw. komplexen Netzwerk von manifesten Einstellungen, Motivzielen und Trieben können vielfältige komplexe Verbindungen zwischen den Klassen bestehen. Natürlich hat Cattell auch hier empirisch Triebfaktoren und Motivzielfaktoren extrahiert.

Fähigkeitsstruktur
Hier liegt der Schwerpunkt auf der Analyse intellektueller Fähigkeiten. Cattell unterscheidet zwei Generalfaktoren von Intelligenz: Fluide Intelligenz und Kristallisierte Intelligenz.Dabei ist die fluide Intelligenz eher die allgemeine Fähigkeit zur Erfassung von Relationen in allen Lebensbereichen, während die kristallisierte Intelligenz spezialisiert in den Lebensbereichen ist, also kultur-und kontextabhängig ist.Diese Faktoren sind offensichtlich nicht unabhängig voneinenander.

Persönlichkeitszustände
Bislang wurden eher statische Eigenschaftsdimensionen abgehandelt; es wurde unberücksichtigt gelassen , in welchem Maße die Dispositionen sich ändern. Ein solcher Eigenschaftswandel kann zum einem durch Lern- und Reifungsprozesse (Im Rahmen der Intelligenzentwicklung)hervorgerufen werden. Zum anderen kann er e situativ auf rasch wechselnde Stimmungslagen, sogenannte states oder Zustände zurückzuführen sein. Diese Zustände können natürlich besonders im Motivbereich vorzufinden sein (sogenannte spezifisch motivationale Zustände) in Form von fluktuierenden externen oder internen Motiven oder im Gegensatz dazu allgemeine Zustände (wie Depression, Müdigkeit) sein. Im Temperamentsbereich konnten 12 Zustandfaktoren entdeckt werden. Auch im Q- und T-Datenbereich wurden Zustandfaktoren gefunden, wobei die letzteren eng mit den jeweiligen Eigenschaftsfaktoren korrelieren. Da diese Zustandsdimensionen wichtige Ergänzungen vor allem auch für die Vorhersage von Verhalten sind, müßen sie in die Spezifikationsgleichung aufgenommen werden. Cattell integriert sie als Zustandsneigungseigenschaft., die als korrespondierend für jede Egenschaft angenommen wird.
Eine andere Form der Determinierung von Verhalten können die Anforderungen und Erwartungen ener bestimmten Position in der Soziität sein, also einer Rolle. Entsprechend können Faktorenanalytisch Rollenfaktoren gewonnen werden.
Da sowohl Rollenfaktoren als auch Zustandsdimensionen nur situativ zum Tragen kommen und das Verhaltensrepertoire moduliren, spricht Cattell bei ihnen von Modulatorfaktoren.

PROZESSUALE MECHANISMEN
Hierbei handelt es sich insbesondere um das Persönlichkeitslernen. Für Cattell ist Lernen "eine multiddimensionale Veränderung in bezug auf eine multidimensionale Situation". Damit stellen sich zwei zentrale Fragen:
Die Frage nach der präzisen Erfassung der durch das Lernen hervorgerufenen Veränderung und die Frage nach den lerntheoretischen Prinzipien, mit denen diese Veränderungen erklärt werden:
Weiter oben ist bereits zwischen Eigenschaftskennwerten (Ausstattung einer Person) und Verhaltensindices (Situationgewicht> Umwelteinflüsse) unterschieden worden. Diese spezifischen Situationsgegebenheiten sind für ihn fokale Reize (z.B. Tritt von jemandem, auf den ich mit Ohrfeige reagiere, der Tritt ist der fokale Reiz). Zu berücksichtigen ist auch der Kontext, in dem fokale Reize auftreten, nämlich die Hintergrundreize (Trifft mich der Tritt unter den Augen einer Autoritätsperson...). Dieser Kontext kann also hemmend oder förderlich sein. Es muß in der Spezifikationsgleichung also auch Indices geben, die sich auf die Hintergrundsituation beziehen, sogenannte Situationsmodulatorindices.
Cattell unterscheidet nun 5 verschiedene Arten von Lernmechanismen:
Coexitationslernen = Zwei gemeinsam auftretende Erfahrung wrden verknüpft, praktisch die klassische Konditionierung WATSONs
Mittel-Zweck-Lernen = was ungefähr der operanten Konditionierung SKINNERs entspricht, d.h. die Verknüpfung von Reizen und Reaktionen durch wiederholte Belohnung von Reaktionen
Integrationslernen = eine Form des Lernens, bei der bestimmte Verhaltensweisen auf mehreren Motivdimensionen zur Befriedigung führen
Lernen als Veränderung des ergischen Ziels = Energie eines spezifischen Triebs wird in Verhaltensweisen investiert, die diesen speziellen Trieb gar nicht befriedigen, z.B. Sublimierung von Sexualität.
Lernen als Einsparen psychischer Energie = Die Erfahrung, daß für ein und dasselbe Triebziel verschiedenen Handlungsmöglichkeiten existieren, die sich hinsichtlich der Ökonomie des Energieeinsatzes unterscheiden.
Die empirische Fundierung der prozessualen Aspekte ist allerdings bislang noch nicht weit gediehen.



KRITIK:
Cattell hat sich um eine strikte mathematische Fassung und empirische Überprüfung seiner Theorie bemüht. Deswegen ist seine Theorie mehr als die anderer Theoretiker differenziert in der Erfassung der Persönlichkeitsstruktur.
Die von Cattell gefundenen Faktoren (Eigenschaften) sind unzweifelhaft Determinanten des Verhaltens (Er geht übrigens von einem somatisch-neurologischem Substrat des Dispositionsgefüges aus. Damit steht er aber einer ontologisierung nahe, die wissenschaftstheoretisch keine zwingende Position ist)
1. Der erste Kritikpunkt dreht sich vor allem um die Modellbeschränkungen der Faktorenanalyse; das Modell ist linear-additiv im Gegensatz zu polynom in Bezug auf die Faktoren, was eine starke Beschränkung darstellt. Die Anwendung anderer Analyseverfahren könnte auch andere Persönlichkeitsstrukturen ergeben.
2. Die Faktorenanalyse kann lediglich universelle Persönlichkeitsdimensionen auffinden und schließt somit die Entdeckung individueller oder gruppenspezifischer Verhaltensweisen aus
3. Cattell hat in der Wahl und Anzahl seiner Faktoren einen Hang zur Überfaktorisierung.
4. In die Handhabung der faktorenanalytischen Methode gehen viele subjektive Entscheidungen ein, so daß die von Cattell geforderte Objektivität der Persönlichkeitsforschung nicht gewährleistet ist.


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