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Stimulation von Gewalt durch im Fernsehen übertragene Boxkämpfe - Beeinflußen Massenmedieninhalte die Mordrate ?

Die Darstellung von Gewalt in den Massenmedien in ihrer Wirkung bzw. die Medienwirkung auf die Aggression oder Gewaltbereitschaft von Individuen bzw. Gruppen besonderer Merkmalsträger ist nach wie vor umstritten.

In der Forschung kann man die Positionen nach wie vor durch drei grundlegende Hypothesen zur Auswirkung der Darstellung von Gewalt in den Massenmedien kennzeichnen:

  • (1) Die Katharsis-These
  • (2) Die Stimulations-Hypothese
  • (3) Die Habitualisierungshypothese
  • (1) Die Katharsis-These: Zurückgehend auf Aristoteles, der den Gemütsbewegungen, welche die Tragödie bei Zuschauern auslöst, eine entspannende (reinigende) Wirkung zuschrieb. Die Wirkung ist in der Regel an der - längst in absoluter Form widerlegten - Frustration-Aggressions Hypothese angelehnt, wonach die Emittierung aggressiven Verhaltens durch Frustration angesammelte Spannung löst. Ähnliche Wirkung soll das kognitive und emotionale Mitvollziehen beobachteter aggressiver Handlungen erzielen. In der vornehmlich experimentellen Empirie konnte jedoch nicht überzeugend nachgewiesen werden, daß die Präsentation gewalttätiger Medieninhalte die Aggression reduzierte.

    (2) Die Stimulations-Hypothese Aufgrund der Theorie des Beobachtungslernens (Bandura) wurde in einer Vielzahl von Experimenten der Nachweis erbracht, daß audivisuell dargestellte Gewalttätigkeiten von Kindern imitiert werden. Die Kritik an diesen Untersuchungen bezieht sich hier aber vor allem auf die Laborsituation, die Reaktionen werden als "kurzfristig" in einer "unnatürlichen" Situation bezeichnet. Neben den berühmten Laborversuchen gibt es aber auch zahlreiche Langzeitfeldstudien (z.B. des National Institute for Mental Health 1982), in denen die Langzeitwirkung der Rezeption gewalttätiger Medieninhalte studiert wurde. In vielen dieser Studien konnten signifikante Zusammenhänge zwischen Fernsehkonsum und der Neigung Jugendlicher zu aggressivem Verhalten beobachtet werden. Die Kritik macht sich hier jedoch an der Monokausalität der Erklärung fest: Eine nicht abzuschätzende Anzahl möglicher anderer Variablen könnte in den Untersuchungszeiträumen ebenfalls wirken bzw. intervenieren, bleiben aber unberücksichtigt.

    (3) Die Habitualisierungshypothese Dieser Ansatz vermutet, daß mit der langfristigen Konfrontation der Darstellung gewalttätiger Handlungen in den Medien eine emotionale und kognitive Abstumpfung einhergeht, die die Sensibilität der Rezipienten für die (A)normalität von Gewalt vermindere bzw. Formen der Gewaltanwendung als normal erleben lasse. Auch hier gibt es keine zuverlässigen empirischen Beweise für das Zutreffen der These.

    Die hier vorgestellte Studie ist ein Beispiel für einen Test der sogenannten Stimulations-Hypothese. Seit 1950 hat es über tausende von Studien über die Frage gegeben, ob Massenmedien einen Einfluß auf die Gewaltbereitschaft haben bzw. zusätzliche Aggressionen auslösen können. Dabei haben aber die meisten Studien im Labor stattgefunden . Zwar besteht inzwischen ein Konsens, daß Massenmedieninhalte unter Laborbedingungen tatsächlich zusätzliche Aggressionen auslösen können bzw. aggressiveres Verhalten herbeiführen, aber die Realität ist natürlich weit komplexer als eine kontrollierte Laborsituation. Die Untersuchungen im Feld wiederum leiden unter der Monokausalität der Erklärung, zumal Gewalt und gewaltverursachende Faktoren in welcher Form auch immer alltäglich und nur schwer voneinander zu trennen sind. Ein weiteres Problem besteht darin, daß Gewaltakte im Fernsehen inzwischen eine Regelmäßigkeit und Dichte haben, die kaum noch Differenzierungen zuläßt. Eine Möglichkeit ist die Erhebung einer eher selten vorkommenden unabhängigen Variable mit spezifischen Eigenschaften , die Effekte über einen recht kurzen Zeitraum zeigen soll.

    Die folgende Studie ist eine Feldstudie , bedient sich einer klar ausdifferenzierten unabhängigen Variable und hat einen vergleichsweise geringen Wirkungszeitraum: Sie sollte Anhaltspunkte dafür geben, daß die Mordrate von einem gewissen Typus von Fernsehgewalt beeinflußt wird : Im Fernsehen übertragene Schwergewichtsboxkämpfe.

    Die Studie wurde angestoßen bzw. basiert auf folgenden Forschungen: PHILLIPS ist in sechs Untersuchungen von 1974 bis 1982 zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  • (1) Suizide in der USA nehmen nach veröffentlichten Suizidgeschichten (Reality TV etc.) zu. 1982 wurde diese Studie in den USA und auch den Niederlanden noch einmal bestätigt.
  • (2) Dabei ergab sich folgender Zusammenhang: Desto größer die Publizität der Geschichte war, desto größer war das Anwachsen der Suizide danach.
  • (3) Das Ansteigen wurde insbesondere in den Regionen beobachtet, in denen die Geschichten veröffentlicht wurden.
  • (4) Tödliche Autounfälle nahmen danach zu
  • (5) Auch hier galt : Je größer die Publizität der Geschichte , desto mehr stieg die Anzahl der Unfälle
  • (6) Das Wachstum fand besonders in dem Gebiet statt, in denen die Geschichte veröffentlicht wurde
  • (7) Dabei war die Häufigkeit der tödlichen Unfälle von Einzelfahrern besonders hoch.
  • (8) Bei mehreren Passagieren ähnelte der Fahrer in vielen Merkmalen dem Suizidalen in der Geschichte, während das bei den Passagieren nicht der Fall war.
  • Diese Resultate waren statistisch signifikant und behielten Persistenz bei der Kontrolle durch Wochentag-Wochenende-Unterschied und Jahreszeitfluktuationen.

    PHILLIPS fragte sich, ob es einen ähnlichen Effekt des Massenmedieneinflusses auf Morde geben würde. Da aber Mordstorys in der USA sehr verbreitet sind, sowohl im Fernsehen wie auch der Printpresse, mußte ein Typus von Gewalt gefunden werden, der recht selten auftaucht. COMSTOCK (1977) hat folgende Bedingungen aufgestellt, bei denen es am wahrscheinlichten sei, das Mediengewalt höhere Aggressionen hervorrufen kann .

  • (1) Die Gewalt muß belohnt präsentiert werden
  • (2) Die Darstellung muß aufregend sein (Viele Reize)
  • (3) Die Darstellung muß realistisch sein
  • (4) Die Gewalt muß "gerechtfertigt" sein (plausibel)
  • (5) Die Gewaltausübenden werden für die Gewalt nicht kritisiert
  • (6) Sie müßen so präsentiert werden, daß sie sich physisch verletzen
  • Diese Anforderungen, Seltenheit und COMSTOCKS Bedingungen treffen für Schwergewichtsboxkämpfe zu. BERKOWITZ hat von 1963 bis 1973 in vier Laborstudien einen Effekt der Präsentation von Schwergewichtskämpfen auf erhöhte Gewaltbereitschaft gefunden. Die Konsumenten waren jeweils aggressiver als Kontrollgruppen, die einen Film über Leichtathletikrennen sahen. Damit sind die Schwergewichtskämpfe eine vielversprechende unabhängige Variable für das Feld. DATENQUELLEN: Daten der Boxkämpfe aus dem "Ring Book Boxing Encyklopädia" von 1973-1978. Für diese Periode gibt es tägliche Erhebungen (Totenscheine) des National Center for Health Statistics aller Tötungsdelikte. Methode: Zeitserienregression , vorerst mit einer folgenden 10-Tageperiode, später eine längere Zeitperiode. Da Mord als ein signifikant über die Wochentage, Monate öffentlichen Feiertage fluktuierendes Phänomen bekannt ist, wurden alle bekannten saisonalen Effekte bereinigt. Erste Ergebnisse: Interessanterweise stieg die Anzahl der Morde besonders am dritten und vierten Tag nach dem Schwergewichtskämpfen statistisch hoch signifikant unter der Nullhypothese, daß diese Kämpfe kene Auswirkung auf die Morde haben. . Die "Drei-Tage-Spitze" ist in den "Autounfallstudien" und einer Studie über "nichtkommerzielle Flugzeugabstürze" bereits aufgetaucht. Tatsächlich taucht dieser Effekt auch in anderen Studien auf, wobei über eventuelle psychologische Mechanismen noch gerätselt wird. Anhand des Datenmaterials wurden folgende Erklärungen für die "3-Tages-Spitze" geprüft:
  • (1) Persönliche Erfahrungshypothese: Dabei wird schlicht unterstellt, daß der Kampf nur solche wirklich beeinflußte, die perönlich bei dem Kampf dabei waren und ihn nicht nur Massenmedien perzepiert haben. Dagegen sprechen aber die Werte , die bei Kämpfen, die nicht in der USA stattfanden, erzeilt werden
  • (2) Die Modellierungs- Hypothese , daß die Publizität des Kampfes mit dem Anwachsen der Morde positiv korreliert, bestätigte sich signifikant.
  • (3) Die sogenannte Aggressormodellierungshypothese, wonach Merkmalsähnlichkeiten zwischen dem Massenmedienaggressor und dem Rezipienten den Effekt verstärkten, wurde - aus Datengründen - zu einer Opfermodellierung umgewandelt. Danch hätte bei einem weißen Verlierer der Boxkämpfe die Anzahl der weißen Mordopfer steigen müßen, bzw. wenn der Verlierer ein Schwarzer ist, sollte der Anteil der schwarzen Mordopfer anwachsen (Implizit scheinen hier jüngere Männer schwerpunktmäßig betroffen zu sein, da nur männliche Mordopfer in der Alterklasse zwischen 20 und 35 an diesem Punkt einbezogen wurden . Ob das aber in der Operationalisierung so valide ist, da die Sieger immer Schwarze sind und bei der Modellierung Opfer- und Aggressormodellierung zusammenhängen müßten ?).
  • (4) Die "Beschleunigungshypothese": Geht davon aus, daß der Effekt nichts als die Vorwegnahme eines Mordes ist, der später sowieso geschehen wäre. Sollte das zutreffen, müßte sich nach den Spitzen, also nach spätestens 10 Tagen ein deutliches Minus zwischen den zu erwartenden Morden und den beobachteten Tötungen ergeben. Eine Drei-Wochen-Nachmessung ergab hier eine Anhaltspunkte für dieses Phänomen.
  • (5) Die "Gambling"-Hypothese: Der Effekt der Boxkämpfe löst nicht die Morde aus, sondern eine wachsende Glücksspielleidenschaft, die dann wiederum zu Morden führt. Zum Beispiel die sogenannte SUPERBOWL, ein nationales Medienereignis im Football, löst eine derartige Spielleidenschaft aus. Tatsächlich aber geben Messungen tatsächlich Anlaß zu der Annahme, daß die SUPERBOWL die Mordrate in den Tagen danach senkt. Das ist ein weiterer Punkt für die Modellierungshypothese
  • Zusammengenommen scheint vorerst die bestgestützte Erklärung, daß die Boxkämpfe imitatives, aggressives Verhalten provozieren, daß letztlich in einem Anwachsen der Mordrate gipfeln kann. Grundlage dieser Modellierungshypothese sind letzlich die sozialen Lerntheorien.