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Fremdenfeindlichkeit als Medienthema
und Medienwirkung. Deutschland im
internationalen Scheinwerferlicht

von Frank Esser, Bertram Scheufele,
Hans-Bernd Brosius (2002) bei AMAZON.de
vodafone.de

Eskalation durch Berichterstattung?
Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt.

von Hans-Bernd Brosius, Frank Esser (1995) bei AMAZON.de

Eskalation durch Wahrnehmung des Verlustes sozialer Kontrolle am Beispiel fremdenfeindlicher Delinquenz in Deutschland 1990- 1993

von Thomas Siebe © 1996

0. Einleitung

In ihrer Theorie der Schweigespirale beschreibt Elisabeth NOELLE-NEUMANN (1989a) einen gleichnamigen, sich selbst verstärkenden sozialen Mechanismus, der Auswirkungen auf die Kommunikationsbereitschaft und Schweigetendenz verschiedener, bezüglich eines wertgeladenen Themas konträrer Gruppen hat.
Mit dieser Schweigespirale stellt sie - allerdings auf Basis wenig elaborierter Prämissen - implizit einen Mechanismus sozialer Kontrolle (1) zur Verfügung, der - modifiziert - wesentlich plausibler in lerntheoretischen Begriffen im Rahmen eines Rational Choice Ansatzes gefaßt werden kann.
Am Beispiel der besonders in der Jahren 1991-1993 eruptiv ausbrechenden Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlichen Delinquenz in der Bundesrepublik Deutschland soll in dieser Arbeit nach Wirkungsspuren eines entsprechenden Modells gesucht werden.
Die zentrale Hypothese lautet, daß im o.g. Zeitraum eine zunehmende fremdenfeindliche Artikulationsbereitschaft, besonders verstärkt in und durch die Diskussion um das Asylrecht in Politik und Massenmedien, die Wahrnehmung einer zunehmenden Unwirksamkeit diesbezüglicher sozialer Kontrolle zur Folge hatte und damit nicht nur zu einer Eskalation fremdenfeindlicher Straftaten führte, sondern auch Zug um Zug einer latenten Fremdenfeindlichkeit zum "speaking out" (OHLEMACHER 1994:234) verhalf.
Erklärungsbedürftig ist in diesem Zusammenhang nicht die Fremdenfeindlichkeit selbst, sondern der Eskalationsprozeß als solcher. Eskalation wird in diesem Zusammenhang als Verlust in der Wahrnehmung sozialer Kontrolle verstanden. Dabei spielen die Massenmedien in ihrer Funktion der Vermittlung von Öffentlichkeit eine dominierende Rolle, indem sie mit dem fremdenfeindlichen Meinungsklima interagieren.
Im ersten Abschnitt werde ich kurz den relevanten Rational Choice Ansatz und das darin integrierte Lernmodell von Albert Bandura skizzieren und anschließend einen kurzen Blick auf die Konzeption der Schweigespirale werfen.
Im zweiten Abschnitt folgt ein Entwurf des Mechanismus der Spirale des "speaking out" in Abgrenzung zur Schweigespirale und auf der Grundlage der Rational Choice. Im dritten Teil beziehe ich dann dieses Modell detaillierter sowohl theoretisch als auch empirisch auf die Eskalation des fremdenfeindlichen Meinungsklimas und der fremdenfeindlichen Delinquenz in der Bundesrepublik. In Teil vier folgt dann eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

1. Das Modell

1.1. Rational Choice

Der Kern der Rational Choice Theorie besteht aus wenigen Annahmen und einer Entscheidungsregel:
Individuen handeln zielgerichtet und nehmen eine rationale Bewertung der perzipierten Handlungskonsequenzen auf Basis des Kosten-Nutzen-Verhälnisses vor. Sie verhalten sich nutzenmaximierend und wählen diejenige Handlungsalternative, die ihnen den größten subjektiven Nutzen verspricht.
Die Nutzenmaximierung muß jedoch mit Rücksicht auf das Konzept begrenzter Rationalität als ein "satisficing" im Gegensatz zum "maximizing" verstanden werden: Situativ nehmen Akteure nicht alle tatsächlich vorhandenen Alternativen und Konsequenzen wahr, sind also nicht perfekt rational, sondern lediglich auf Basis ihrer begrenzten Perzeptionen.
Auch die Informationsbeschaffung und der Evaluationsvorgang selbst bedeuten Kosten, z.B. Zeit. Spätestens wenn diese Kosten sich dem subjektiv zu erwartenden Nutzen (SEU)(2) der Handlung annähern, wird der Evaluationsvorgang abgebrochen.
Die Akteure begnügen sich ohnehin meistens mit einer ihnen als zureichend erscheinenden Teilmenge von Informationen, wenn sie nicht gar bereits eine "Abkürzung", z.B. eine Routine oder Gewohnheit gespeichert haben.
Daher maximieren Akteure ihren Nutzen nicht objektiv, sondern können auch eine sie zufriedenstellende Handlungsalternative wählen. Damit entsteht ein Akteurmodell, daß im Gegensatz zu den klassischen Modellen des homo oeconomicus steht. Letzteres ist z.B. implizit in den Vorstellungen der schottischen Moralphilosophen vorhanden.
Das RREEMM-Modell des resourceful, restricted, evaluating, expecting, maximizing (3) man (ESSER 1993:237ff.) bricht jedoch mit der perfekten Informiertheit, der "objektiven" Situationsdefinition und den wohlgeordneten Wahlpräferenzen des un-kognitiven perfekt rationalen homo oeconomicus.

 Soziologie
Hartmut Esser: "Soziologie. Allgemeine Grundlagen."

Ein vollständiger Entscheidungsprozeß selbst verläuft in drei Phasen:
der (selektiven) Kognition der Situation,
der (subjektiven) Evaluation der Konsequenzen der Alternativen und
der Selektion einer (zufriedenstellenden) Handlungsalternative.
Zu einer soziologischen Erklärung gehört jedoch mehr als diese Logik der Entscheidung (ESSER 1993:94). So hat jede Situation, in der ein Entscheidungsprozeß stattfindet, eine ganz eigene Logik in Form bestimmter Randbedingungen, die sich als constraint für die Kognition der Situation erweisen können.
Für die Soziologie liegt zwar der Fokus auf der Frage, wie sich aus den Handlungsselektionen der Akteure soziale Phänomene aggregieren, die zu erklären sind. Das Ergebnis dieses Mikro-Makro-Übergangs - also die Aggregation der Handlungen vieler Individuen zu einem sozialen Phänomen - schafft aber auch für die Mikroebene der Aggregation eine neue Logik für zukünftige Situationen, sprich: das soziale Phänomen schafft neue Rahmenbedingungen für weitere Entscheidungen der Akteure. Somit kann auch der Makro-Mikro-Übergang - z.B. bezüglich Wahrnehmungsprozessen - besondere Bedeutung für Erklärungen gewinnen.
Für die Kernthese der Arbeit wird dieses Springen von Aggregationsebene zu Aggregationsebene - von Mikro zu Makro und umgekehrt - von besonderer Bedeutung sein, weil die Hypothese eines sozialen, sich selbst verstärkenden Mechanismus - in diesem Fall einer Spirale des "speaking out" - auf Regelmäßigkeiten auf beiden Aggregationsebenen auch jenseits des eigentlichen nomologischen Kerns basiert.
Theorien der rationalen Wahl, die nicht von Akteuren als "black boxes" ausgehen wollen, deren Handeln einzig und allein auf dem Input externer Reize und dem Output einer Reaktion basiert, müssen auf der Ebene des Akteurs ein Lernmodell zur Verfügung stellen, daß erklären kann, warum Akteure bezüglich bestimmter Situationen prädisponiert sind, warum eine Situation wie eingeschätzt wird, warum subjektiv eine antizipierte Handlungskonsequenz positiv oder negativ bewertet wird.
Rational Choice Ansätze, die eine perfekte Rationalität und objektiven Nutzen zugrunde legen, also noch dem Modell des homo oeconomicus frönen (z.B. HOMANS 1970), kommen dabei mit einer Lerntheorie aus, deren Kognitivität letztlich lediglich im Suchverhalten nach positiven Verstärkern besteht (SKINNER).
Betrachtet man Menschen hingegen im Sinne des RREEMM-Modells als findige Akteure, deren Prädispositionen und internen Präferenzen durchaus nicht uniform und auch nicht rigide angeordnet sind, benötigt man im Sinne der theoretischen Konsistenz ein kognitiveres Lernmodell, daß die Möglichkeit verschiedener Rationalitäten und selbstreflexiver Lernformen zuläßt.
Soziale Lerntheorien, die besonders mit den Namen J. ROTTER, A. MISCHEL und A. BANDURA verknüpft sind, erfüllen im Gegensatz zum orthodoxen Behaviorismus eines SKINNER diesen Zweck.
In dieser Arbeit erweist sich insbesondere das von A. BANDURA zur Verfügung gestellte Modell als hilfreich, da es ein von NOELLE-NEUMANN gewähltes, fragwürdiges Konstrukt, nämlich die Imitation von Verhalten, zufriedenstellend ersetzen kann.

1.2. Die Theorie A. BANDURAS

In Albert BANDURAS Konzeption (4) sind die Wurzeln seiner Theorie im Behaviorismus zwar noch deutlich zu erkennen. Aber im Gegensatz zum mechanistischen und radikalen Behaviorismus, der alles Verhalten ausschließlich auf Umweltkontrolle zurückführt, betont Bandura ebenso das Prinzip der Selbststeuerung des Menschen in einem transaktionalen Rahmen des Person-Umwelt-Bezugs. Man könnte auch von einem liberal-kognitiven Behaviorismus sprechen.
BANDURAS Position sieht eine wechselseitige Beeinflussung von Person und Umwelt vor. Das ist das Konzept des reziproken Determinismus (5).
Diese kontinuierlich reziproke Interaktion zwischen kognitiven und umweltbezogenen Determinanten ist nichts anderes als die Übersetzung des Konzeptes von choices und constraints auf persönlichkeitspsychologische Ebene.
Zentrales und bekanntestes Konzept der Theorie ist das Modellernen (6), d.h. ein Lernprozeß kann auch stattfinden, wenn die lernende Person nicht direkt in das den Lernprozeß auslösende Geschehen involviert ist. Damit kann nicht nur die Veränderung von Verhalten erklärt werden, sondern auch die Entstehung neuer Verhaltensweisen, die nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen.
Beim Lernen am Modell beobachtet z.B. eine Person A mit dem Verhaltensrepertoire (a,b,c...) zum Zeitpunkt t1 eine Person B, die das Verhalten (...x,y,z) zeigt. Zum Zeitpunkt t2 verfügt die Person A über das Verhaltensrepertoire (a,b,c,x,y,z....).
Nach BANDURA führen bestimmte kognitive und emotional-motivationale Prozesse zu diesem Lernvorgang:
Aufmerksamkeitsprozesse,
Motivationsprozesse,
Gedächtnisprozesse und
motorische Reproduktionsprozesse,
wobei jedoch an dieser Stelle nur die beiden ersten von Interesse sind.
Ohne die Aufmerksamkeitsprozesse kommt es gar nicht erst zur Beachtung der modellierten Ereignisse. Hierbei sind sowohl die Eigenschaften des Beobachteten als auch die des Beobachters relevant: Wie differenziert und komplex ist das Beobachtete? Welche Qualität hat es ? Welche affektiven und motivationalen Aspekte, besonders in Form von Attitüden binden den Beobachter an das Beobachtete, der aus einer Attitüde heraus eine Valenz mit dem Modellierungsreiz bilden kann ? Welche individuellen Kompetenzen und welche Bereitschaft hat der Beobachter, das Beobachtete wahrzunehmen ? Gibt es frühere Erfahrungen mit dem zu Erlernenden?
Das Zusammenspiel von externen Modellierungsreizen und beobachterinternen Verarbeitungsprozessen ist schon hier offenkundig: Es kann z.B. eine Selektivität in der Wahrnehmung verstärkt werden oder eine bestimmte Attitüde durch Reize angesprochen werden, die von anderen Akteuren gar nicht zur Definition einer Situation herangezogen werden können, weil sie sie schlicht nicht wahrnehmen.
Die zweite wichtige Kategorie von personeninternen Vermittlungsvariablen ist die Motivation. Hier kann man zwischen verschiedenen Arten der Verstärkung unterscheiden:
Die externe Verstärkung entspricht der klassischen SKINNER´schen Verstärkung: Die Erwartung eines bestimmten Reizes erhöht oder vermindert die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens.
Die stellvertretende Verstärkung andererseits ist eines der wichtigsten Konzepte in BANDURAS Theorie: Die Beobachtung , durch die der stellvertretende Verstärker induziert wird, registriert die positiven / negativen Konsequenzen des Modellverhaltens und ist so eine wichtige Grundlage für die Übernahme und das Auftreten des Modellverhaltens. Es besteht allerdings ein deutlicher Unterschied zwischen der Aneignung und Ausführung des Modellverhaltens. Die Aneignung, quasi eine Kopie der Modellierungsreize, dient zwar als Orientierung für eine eventuelle Ausführung der Nachbildungsleistung. Die Ausführung ist aber von den Verstärkungserwartungen, sprich Wert-Erwartungen abhängig, die von der Person zugrunde gelegt werden, um das Verhalten auszuführen.
Eine dritte Verstärkungsart ist die Selbstverstärkung: Diese für die kognitive Selbststeuerung wichtigste Motivationsquelle wird durch personeninterne Faktoren, wie etwa Attitüden, gespeist. Z.B. kann man sich für ein Verhalten selbst - abhängig von den internen Maßstäben, die man anlegt - belohnen oder bestrafen, um emotionale Zustände herzustellen (vgl. hier besonders Eskapismus). Dies bedarf natürlich wiederum einer bestimmten Selbstbeobachtung.
Eine stellvertretende Verstärkung kann verschiedene Effekte haben: den Reproduktionseffekt, den (Ent)hemmungseffekt oder den Auslösereffekt.
Der Reproduktionseffekt bezieht sich auf die Übernahme von Verhaltensmustern, die für die Person neu sind, wie z.B. das Erlernen einer kriminellen Technik.
Beim (Ent)hemmungseffekt wird nichts Neues übernommen, sondern die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines bereits im Repertoire enthaltenden Verhaltens wird erhöht oder gesenkt. So kann ein fremdenfeindlicher Straftäter natürlich wissen, wie ein Brandsatz gebaut wird. Ereignisse wie Rostock oder Hoyerswerda hätten dann dieses Modell aktualisiert.
Ein weiterer Effekt, der sich aus der stellvertretenden Verstärkung ergeben kann, ist der Auslösereffekt: Dabei wird eine Person durch die Beobachtung einer Modellperson für einen bestimmten Verhaltensbereich sensibilisiert. Z.B. betrachtet ein gewaltbereiter Akteur im Fernsehen Personen bei Gewaltakten und begeht ebenfalls eine Straftat, aber eben nicht zwingend einen gleichartigen delinquenten Akt. Hier aktualisiert die Assoziation des Modellierungsreizes mit vorhandenen kognitiven Strukturen andere Modelle.
Die stellvertretende Verstärkung erfüllt eine Orientierungsfunktion, ohne daß das beobachtete Verhalten exakt kopiert werden muß. Die Orientierung an verschiedenen Verhaltenserwartungen mit den diversen Verstärkungserwartungen oder auch - mikroökonomisch gesprochen - payoffs z.B. sind in der Regel als solche Modelle personenintern gespeichert, werden laufend aktualisiert und gehen in eine Handlungsbewertung mit ein.
Man kann davon ausgehen, daß jeder Mensch sowohl konforme als auch abweichende Verhaltensmuster gespeichert hat. Je mehr abweichende Modelle nun ein Akteur zur Verfügung hat, die positive Verstärkungserwartungen beinhalten und je besser diese Modelle den situativen Randbedingungen angepaßt sind, desto wahrscheinlicher ist es, daß sie in einer Handlungsevaluation berücksichtigt werden. Versprechen diese Handlungsalternativen in ihren Konsequenzen nun den besten payoff, kommen sie zur Ausführung.

1.3. Die Theorie der Schweigespirale

Ob Menschen sich öffentlich zu Wort melden (7) und ihre Meinung zu einem Thema kundtun, hängt nach der Theorie der Schweigespirale entscheidend von der perzipierten Mehrheitsmeinung und ihrer (antizipierten und tatsächlichen) Entwicklung ab.
"Wer feststellt, daß sich seine Meinung ausbreitet, fühlt sich dadurch gestärkt und äußert seine Meinung sorglos, redet, ohne Isolation zu fürchten. Wer feststellt, daß seine Meinung Boden verliert, wird verunsichert und verfällt in Schweigen." (NOELLE-NEUMANN 1989a:420).
Durch das Schweigen wird das kommunikationsbereitere Lager weiter gestärkt, was wiederum zu einer stärkeren Schweigetendenz im anderen Lager führt und damit an der spiral of silence dreht.
Als Verbindungsstück zwischen den beiden abhängigen Variablen der Kommunikationsbereitschaft und Schweigetendenz und der unabhängigen Variablen der öffentlichen Meinung bedient sich NOELLE-NEUMANN eines offensichtlich als angeboren unterstellten Konstruktes, daß sie als Isolationsfurcht bezeichnet.
Die Prämisse lautet, daß Menschen aus Isolationsfurcht bestrebt sind, sich nicht sozial zu isolieren, was der Gesellschaft wiederum ein Mittel zur sozialen Kontrolle in die Hand gibt: Gegenüber abweichenden Individuen gebraucht die Gesellschaft Isolationsdrohungen bzw. vollzieht sie auch. Um konform zu bleiben, versuchen deswegen die Individuen permanent, das Meinungsklima einzuschätzen. Das Ergebnis der Einschätzung beeinflußt ihr Verhalten vor allem in der Öffentlichkeit und insbesondere durch das Zeigen, Verbergen und die Imitation (8) von Meinungen und Handlungen.
Der Mechanismus der Schweigespirale - zusammengesetzt aus den letzten Annahmen - erklärt die Bildung oder Veränderung einer öffentlichen Meinung. Die Geltung der Schweigespirale wird allerdings auf aktuelle und wertgeladene Themen beschränkt.
An diesem Ort sollen die - sicherlich zahlreichen - Kritikpunkte an der Schweigespirale nicht näher diskutiert werden, da die Darstellung des Modells zum einen nur der Vollständigkeit, zum anderen des besseren Verständnisses für das hier zu entwickelnde Modell einer Spirale des "speaking out" dient. Immerhin wird sich zeigen, daß beide Modelle die Bedeutung informeller sozialer Kontrolle betonen und sich oberflächlich im Mechanismus ähneln, während sie jedoch auf verschiedenen Vorstellungen von der Natur und dem Handeln des Menschen basieren.
Während die Theorie der Schweigespirale das zentrale Konstrukt innerhalb der Theorie der öffentlichen Meinung ist, muß man das folgende brückenhypothetische (9) Modell eher als einen Sonderfall einer Anwendung der Rational Choice betrachten, wie er nur unter bestimmten Randbedingungen, insbesondere temporaler und struktureller Natur vorkommen kann.
Die Spirale des "speaking out" läßt sich auf immer allgemeinere Hypothesen der Rational Choice - letztendlich auf das Postulat der Nutzenmaximierung - zurückbeziehen, während die Schweigespirale bereits das generelle theoretische Modell darstellt.

2. Die Spirale des "speaking out" und soziale Kontrolle

Eine Meinungsäußerung ist, offensichtlicher noch als andere Handlungen, eine rationale Wahl.
Seine Meinung, die als Ausdruck einer Attitüde oder gar Verhaltensintention aufgefaßt werden kann, zu äußern - insbesondere zu einem wertgeladenen Thema - kann durchaus Sanktionen zur Folge haben, was im Sinne der folgenden Definition von CLARK und GIBBS als Kontrollreaktion zu verstehen ist. Sie verstehen soziale Kontrolle als "soziale Reaktion auf Verhalten, das als abweichend definiert wird, und zwar sowohl Überanpassung an wie Verletzung von Normen" (1974:157).
Der isolationsphobische (10) Trieb, den NOELLE-NEUMANN bei Akteuren unterstellt und die Tendenz, unter der Sanktionsdrohung der Gesellschaft zu schweigen, kann viel plausibler in Begriffen der elaborierten Theorie der Rational Choice beschrieben werden.
Das z.B. Isolation auf lange Sicht große Kosten verursacht, wie in der Erklärung sozialer Ordnung bereits die virtuellen Akteure der schottischen Moralphilosophen erkennen, ist ein alter tauschtheoretischer Hut. So kann ein als abweichend definierter Sprechakt - gerade bei wertgeladenen, sensiblen Themen - wirkungsvolle informelle (11) Sanktionen nach sich ziehen.
Das kennen und erfahren z.B. Politiker (12), die aus der "Parteidisziplin" ausscheren und sich in ihrer Partei "isolieren", wie die Kommentatoren es zu bezeichnen pflegen.
Aber die soziale Kontrolle ist natürlich auch im Alltagshandeln allgegenwärtig, wo Menschen im sozialen Umgang in der Regel eher auf normativ abgesicherte Meinungen und deren Äußerung zurückgreifen, ohne daß diese Meinungen tatsächlich eine Grundlage in einer Attitüde haben müßen. Werden mit diesen Attitüden keine subjektiv wichtigeren Zwecke verbunden, bedeutet in der Regel das Risiko z.B. eines Konfliktes unangemessene Kosten. Selbst Scham und Verlegenheit aufgrund einer mißbilligenden Reaktion können Sanktionskosten darstellen, deren Antizipation von einer Äußerung abhält (GRASMICK, BURSIK 1990).
Wenn Akteure also die Situation so definieren, daß sie bei der Handlungsalternative "abweichende Meinungsäußerung" Sanktionskosten antizipieren, die den Nutzen des zu erreichenden Zweckes übersteigen , ist es wahrscheinlicher, daß sie diese Handlung vermeiden und soziale Kontrolle wirksam ist. Bleiben aber die erwarteten Kontrollreaktionen bzw. ihre Wahrnehmung aus oder verändern und relativieren sich, verschieben sich die Wahrscheinlichkeiten der Emission einer solchen Handlung, d.h. die Sanktionswahrscheinlichkeit wird niedriger eingeschätzt.
Die stellvertretende Verstärkung erlaubt es den Akteuren, in der Beobachtung der Umwelt diese Einschätzungen auch über den Komplex eigener Erfahrungen hinaus zu modifizieren. Sie benötigen zur Beobachtung der Umwelt und Einschätzung der allgemeinen Kontrollverhältnisse kein "quasi-statistisches Organ" (NOELLE-NEUMANN 1989a:14), daß ihnen unterschwellig Mehrheitsverhältnisse oder Gelegenheitsstrukturen offenbart.
Eine Spirale des "speaking out" soll heißen, daß Rückkopplungseffekte zwischen der Kommunikationsbereitschaft und der Wahrnehmung sozialer Kontrolle stattfinden. Je weniger soziale Kontrolle wahrgenommen wird, desto kommunikationsbereiter bzw. handlungsbereiter werden die entsprechenden Akteure. Und je kommunikationsbereiter diese Akteure in der Öffentlichkeit werden bzw. in der Öffentlichkeit auftauchen, desto weniger wird von Gleichgesonnenen soziale Kontrolle wahrgenommen.
Man könnte nun einwenden, daß der letzte Satz das Schweigen der Akteure, die sozusagen für die soziale Kontrolle zuständig bzw. anderer Meinung sind, voraussetzt. So jedenfalls würde es NOELLE-NEUMANN sehen, nämlich als eine Umkehrung des Prozesses sozialer Kontrolle, weil Zug um Zug nun die Meinung der zuvor dominierenden Akteure kontrolliert würde.
Tatsächlich aber sind die Menschen gerade nicht die wetterwendischen Kreaturen, zu denen sie eine allgemeine Theorie der Schweigespirale verdammen will: Die Spirale kann sich durchaus nur innerhalb einer bestimmten Gruppe, also nur zwischen Kommunikationsbereitschaft und wahrgenommener sozialer Kontrolle drehen, ohne das sich reale Mehrheiten entscheidend verändern, die Mehrheit tatsächlich und zwangsläufig in Schweigen verfallen muß oder gar ihre Attitüden ändert.
Die Existenz von Massenmedien, sozusagen der "zweiten Öffentlichkeit", macht die Koexistenz von Meinungsklimata möglich, indem Fernsehen, Hörfunk und Printmedien Wahrnehmungen wie z.B. modellierte Situationsdefinitionen bei Rezipienten erzeugen können, die die realen Verhältnisse verzerren.
So kann die Mehrheit in der Öffentlichkeit durchaus unbefangen ihre Meinung vertreten, während die Massenmedien diese Meinung aber gar nicht oder lediglich unter anderen Aspekten einfangen. Was außerhalb unseres Wahrnehmungsradius geschieht, in den Massenmedien jedoch nicht berichtet bzw. deutlich wird, findet nicht statt.
Die Bias ist dabei nicht nur in der Berichterstattung des Fernsehens oder der Printmedien enthalten, sondern zeigt sich natürlich auch in der Selektivität der Rezipienten, die von Aufmerksamkeitsprozessen gesteuert wird. So werden z.B. fremdenfeindliche Rezipienten aus der Berichterstattung über die progromähnlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda (13) oder die gesamte Asyldiskussion ganz andere Verstärkungen erhalten haben als Rezipienten, die mit Schrecken und Erschütterung reagierten. Und das Auftreten fremdenfeindlicher Protagonisten mag innerhalb der Selektivität der Wahrnehmung dieser Gruppe das, wofür Leute wie z.B. der Rechtspopuöist Schönhuber stehen, sozial legitimiert haben.
Auch ohne die Existenz elektronischer, flächendeckend diffundierender Massenmedien vorauszusetzen, kann man Eskalationsprozesse beobachten , die mit den Ereignissen in Hoyerswerda und Rostock (14) vergleichbar sind, aber eben situativ und räumlich beschränkte Wirkung und Persistenz haben:
Man denke an Plünderung, Vandalismus und Lynchmorde. Auch ein Blick auf friedfertige Demonstrationen, die scheinbar eruptiv in Gewalt und Zerstörung umschlagen, kann belegen, wie Verhaltenserwartungen plötzlich ihre Geltung verlieren, die an anderen Orten und Aggregatzuständen stabil und selbstverständlich sind.
Offensichtlich sind Gewalt und Delinquenz (15) situativ besonders ansteckend, wenn sie als kollektives Verhalten auftreten.
So zeigt LÜDEMANN (1992) mit seinem Schwellenwertmodell kollektiven Verhaltens, wie die Akteurwahrnehmung kollektiver Handlungen und Handlungsbereitschaften die Wahrnehmung von Sanktionswahrscheinlichkeiten und damit der sozialen Kontrolle wesentlich vermindern kann.
Die delinquente Handlung im Guppenkontext wird um so wahrscheinlicher, je größer die Anzahl der bereits handelnden Akteure ist. LÜDEMANN bezieht zwar sein Modell auf einen Typus fremdenfeindliche Gewalt, der wie in Hoyerswerda und Rostock vor der Öffentlichkeit und unverdeckt ausgeübt wurde, die Voraussetzung für das involvement der Akteure basiert jedoch auf entsprechenden fremdenfeindlichen Attitüden und einem ähnlichen Mechanismus wie in der Spirale des "speaking out".
Ein Gewaltakt ist im allgemeinen sicherlich eine Handlung, bei der Akteure eher eine Sanktion erwarten als bei einer geäußerten Meinung. Jedoch sind beides - sowohl die Minderheitsäußerung zu einem wertgeladenen Thema als auch der Gewaltakt, abweichende Handlungen, mehr oder weniger sozialer Kontrolle ausgesetzt, bei deren Evaluation durch die Akteure die subjektive Sanktionswahrscheinlichkeit eine wesentliche Rolle spielt.

3. Die Eskalation der Fremdenfeindlichkeit als Verlust sozialer Kontrolle

3.1. Einführung

Um Spuren des oben beschriebenen Spiralenmodells in der Empirie zur Fremdenfeindlichkeit und ihrer Eskalation in Deutschland 1990-1993 wiederzufinden, müssen einige Annahmen empirisch untermauert werden:
Als Grundlage muß sich in der Bundesrepublik bzw. der früheren DDR eine beträchtlich verbreitete latente Fremdenfeindlichkeit vor 1989 in der Empirie zumindest begründet vermuten lassen.
Offen geäußerte Fremdenfeindlichkeit sollte zu diesem Zeitpunkt einer gewissen sozialen Kontrolle unterlegen sein, die fremdenfeindliche Delinquenz dementsprechend relativ niedrig vermutet werden.
Für diese Annahmen werden sich auch Belege finden:
Die Empirie weist durchaus auf die Existenz eines derartigen Potentials hin. Für den Bereich der früheren DDR allerdings sind empirische Spuren, die auf fremdenfeindliche Latenzen hindeuten, aus bekannten Gründen schlicht nicht vorhanden.
Die bisher gängige These (16), die insbesondere von der Politik, unterstützt durch Massenmedien (HEITMEYER 1993:8) vertreten wurde, nämlich das Delikte und Gewalttaten einer verschwindenden Minderheit unzulässig auf große Teile der Bevölkerung generalisiert worden sind, muß im Sinne einer Verbindung zwischen Äußerung und Handlung relativiert werden. Die These wird zwar nach wie vor mit Hinweis auf die Lichterketten gegen die Gewalt, sinkende Ausländerfeindlichkeit in den Umfragen und Dominanz einer bestimmten Gruppe von fremdenfeindlichen Delinquenten vertreten, ist aber in ihrer unrelativierten Formulierung nicht mehr haltbar.
In der Empirie gibt es starke Belege dafür, daß sehr wohl ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung als fremdenfeindlich eingestuft werden kann bzw. konnte und Fremdenfeindlichkeit und die Delinquenz durchaus keine getrennten Phänomene im Sinne der Eskalation bzw. sozialer Kontrolle sind.
Die Eskalation bzw. das "speaking out" der Fremdenfeindlichkeit findet ein geeignetes Vehikel in der sich verschärfenden Asyldiskussion von Beginn 1990 bis Juli 1993 ("Asylkompromiß"), in deren Verlauf fremdenfeindliche Äußerungen sowohl durch politische Akteure als auch in den Massenmedien sozusagen "legitimiert" werden.
OHLEMACHER (1994:222) schreibt sehr treffend:
"The media and the politicians...gave an acceptable face to racism...played upon public anxieties by exaggerating the threat".
Innerhalb eines großen, verunsicherten Teils der Bevölkerung kann die fremdenfeindliche Klientel mit sinkender Sanktionswahrscheinlichkeit krasse Stereotypen aktualisieren und äußern, was insbesondere von den Massenmedien bereitwillig aufgegriffen wird.
Der Rolle der Massenmedien als "zweite Öffentlichkeit" kommt in dem zu beschreibenden Eskalationsprozeß eine entscheidende Rolle zu, weil Fernsehen, Hörfunk und Printmedien nicht nur als wesentliche Quelle von Informationen für die Bevölkerung dienen, sondern bereits inhärent Informationen derartig bündeln müssen, daß Stereotypisierungen und Polarisierungen nicht ausbleiben.
Darüber hinaus aber kommt den Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland innerhalb des Eskalationsprozesses die unglückliche Rolle eines rückkoppelnden Verstärkers fremdenfeindlicher Wahrnehmungen zu, wie sich anhand entsprechender Empirie vermuten läßt. Dieser vordergründige Vorwurf an die Massenmedien trifft jedoch insbesondere das politische System der Bundesrepublik, da Politik in der Regel erst durch die Massenmedien Öffentlichkeit gewinnt.
Bezogen auf den hier zu verhandelnden Sachverhalt der "spiral of speaking out" müßte sich nun in den Massenmedien seit 1989 nicht nur eine verstärkte Berichterstattung über fremdenfeindliche Delinquenz in Verbindung mit dem Asylthema, sondern auch eine zunehmende Kommunikationsbereitschaft bzw. Präsenz fremdenfeindlicher Akteure z.B. in der audiovisuellen Medien nachweisen lassen und das bereits vor der ersten Welle der Gewalt 1991.
Zwischen Delinquenz, Meinungsklima - sowohl realem als auch der Rezeption des virtuellen Klimas aus den Medien - und Medieninhalten müßten sich ausreichend starke Zusammenhänge herstellen lassen.
Wahrnehmungen eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung bezüglich des Themenblocks Ausländer, Asylrecht und ausländerfeindliche Kriminalität müßten sich in den letzten Jahren erheblich verändert haben, besonders stark im fortgeschrittenen Stadium der unterstellten Form der Eskalation.
Und um in dieser Spirale einen sozialen Mechanismus zu postulieren, müßte es über die Dauer des Eskalationsprozesses relativ stabile Randbedingungen in Form gesellschaftlicher Konstanten gegeben haben. Hier wären bereits jetzt die Funktion der Massenmedien und die bereits 1986 einmal aufgeflammte Diskussion um den Artikel 16 des Grundgesetzes , das Asylrecht zu identifizieren. Sowohl die Berichterstattung als auch die Diskussion über das Asylrecht wiesen eine bemerkenswerte Konstanz in Inhalten und Richtung auf, während sich lediglich die Intensität verstärkte.

3.2. Die "Minimumthese" und Fremdenfeindlichkeit

Die These von der minimalen Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit hatte und hat ohnehin nur Bestand zum einen durch die große Dominanz einer bestimmten Gruppe unter den fremdenfeindlichen Delinquenten, zum anderen durch empirische Daten zu einer geringer werdenden Fremdenfeindlichkeit, die allerdings mit Operationalisierungen entstanden, die nicht mehr adäquat sind.
Bei einer ersten Analyse der Täterstrukturen fanden WILLEMS, WÜRTZ und ECKERT (1995), daß 95% der Delinquenten männlich waren. 70% der Täter waren männliche Jugendliche unter 20 Jahren, nur 5% waren überhaupt älter als 30 Jahre. 90% der Straftaten wurden in Gruppen begangen und waren in der Regel nicht von langer Hand geplant, geschahen vielmehr eher spontan, wobei oft Alkohol involviert war. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Täter war durch sonstige Straf- und Gewalttaten vorbelastet oder ansonsten auffällig geworden.
Diese Auffälligkeiten standen jedoch meistens nicht in Verbindung mit rechtsradikalen Kontexten, lediglich bei einem kleinen Anteil lag bereits eine verfestigte rechtsradikale Gesinnung vor. Andererseits finden sich auch viele zuvor eher unauffällige Mitläufer aus ebenfalls eher unauffälligen Milieus.
Gemeinsam war fast allen jedoch eines: eine unreflektierte Ausländerfeindlichkeit. Wie sich noch zeigen wird, teilten sie diese Attitüde mit einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung. Was die Täter von diesem Teil der Bevölkerung unterscheidet, ist nach Ansicht HEITMEYERS (et al. 1992:14ff.) ein letztlich nur gradueller Aspekt. So stellt er z.B. ein Vierstufen-Modell der Gewalt vor:
Auf der untersten Stufe steht die Überzeugung der Unabänderlichkeit von Gewalt.
Die zweite Stufe besteht in der Billigung von oder der Sympathie für Fremdgewalt.
Die dritte Stufe schließlich schließt Gewaltbereitschaft bzw. gewalttätige Handlungsbereitschaften ein.
Auf der vierten Stufe wird dann Gewalt ausgeübt.
Die ersten beiden Stufen des deskriptiven Modells lassen sich in der Empirie auch in Prozenten ausdrücken:
Im Oktober 1991, unmittelbar nach den progromähnlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda, waren 18% der Bürger im Westen und 16% der Bürger im Osten der Meinung, daß man "...offensichtlich Rabatz machen muß, damit sich was tut" (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:531). Sie betonen damit die benannte Unvermeidlichkeit von Gewalt oder zeigen sogar Sympathie für die Straftäter.
Immerhin 75% bzw. 77% waren aber noch der Meinung, daß die Gewalt in jedem Fall verurteilt und bestraft werden müßte (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:531). Selbst nach den Morden von Mölln, in einer Umfrage im Dezember 1992, ändern sich diese Zahlen nicht wesentlich: 17% bzw. 21% haben weiterhin Verständnis, 78% bzw. 73% verurteilen fremdenfeindliche Straftäter (IfD-Umfrage 5074, zit.n. BROSIUS, ESSER 1995:102).
Bei den Sympathisanten fallen spezielle Bevölkerungsgruppen durch eine Dominanz auf: Es sind besonders die Gruppen, in die auch der größte Teil der fremdenfeindlichen Täter eingeordnet werden kann: Personen mit eher geringem formalen Bildungsgrad und besonders Männer zwischen 16 und 29 Jahren (BROSIUS, ESSER 1995:103).
Immerhin machten die Sympathisanten und Verständnis für die Täter offenbarenden Bundesbürger "nur" ungefähr ein Sechstel der Bevölkerung aus.
Zwischen Delinquenz und öffentlich geäußerter Fremdenfeindlichkeit gibt es allerdings auch andere Verbindungsstränge, die sich auf die Neutralisationsmechanismen von SYKES und MATZA (1968) beziehen:
Die Kriminalisierung der Asylbewerber u.a. durch den Vorwurf des Asylmißbrauchs konnte potentiellen Gewalttätern ein Instrument in die Hand geben, ihre Taten innerlich zu rechtfertigen. Z.B. konnte das Opfer selbst als Delinquent verdammt werden, das Unrecht mit Berufung auf die Meinung der Bevölkerung (s.u.) geleugnet werden oder aus der Attitüde heraus gehandelt werden, im Sinne einer höheren Instanz zu agieren.
In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, daß schon vor dem Fall der Mauer 1989 in der alten Bundesrepublik eine latente Ausländerfeindlichkeit (17) nicht unbeträchtlich verbreitet und somit ein Reservoir prädisponierter Akteure vorhanden war. In der Empirie der achtziger Jahre tritt dies im Vergleich zu den Vorjahren jedoch weniger zu Tage, auch wenn die ein oder andere Untersuchung Hinweise in diese Richtung gibt (vgl. BROSIUS,ESSER 1995:16).
Jedoch hat sich ebenfalls in den achtziger Jahren zunehmend eine soziale Erwünschtheit bezüglich der positiven Haltung gegenüber Ausländern als Norm verdichtet. Die Sozialpsychologen BRUIN, DERIDDER und MAISON (1995) sprechen von einer Anti-Diskriminierungs-Norm (ADN), die sich im letzten Jahrzehnt in einigen Ländern Westeuropas entwickelt habe.
Sogenannte krasse ("blatant") Vorurteile (PETTIGREW,MEERTENS 1995) gegenüber Landesminderheiten wiesen zunehmend niedrigere Scores auf, ohne daß allerdings die Integration der Minderheit ähnlich bemerkenswerte Fortschritte gemacht hätte.
Während die Befragten sich also nachweislich auf entsprechende Indikatoren für negative Stereotypen bzw. Ausländerfeindlichkeit einstellten, sind Theorie und Befragungsinstrumente offensichtlich der Entwicklung zum Trotz recht inflexibel geblieben. So beklagen z.B. BLANK und SCHWARZER (1994), daß in der allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften noch immer das "Gastarbeiteritem" erhoben wird.
An die Latenzen von Fremdenfeindlichkeit jedenfalls kann die Empirie dieser Jahre durch die Ermittlung krasser Vorurteile kaum herankommen. Bei der Erforschung subtiler Vorurteile jedoch sind PETTIGREW und MEERTENS (1995) in ganz Westeuropa auf beträchtliche Werte gestoßen.
Im Kontext des Themas Asylrecht und der Kriminalisierung von Asylbewerbern durch politische Unternehmer wurde bereits seit 1986 (18) eine Art kanalisierte Fremdenfeindlichkeit deutlich:
Die Deutschen bildeten in ihrer Beurteilung von Ausländern eine Art Hierarchie unter den Ausländern. Je weiter entfernt von "deutscher Kultur" der kulturelle Background einer in Deutschland vertretenen Nationalität den Deutschen erschien, desto negativer wurde geurteilt. Asylbewerber standen am Ende dieser Hierarchie (Siehe LAMNEK, FUCHS 1992), schlechter wurden aber bereits Türken beurteilt (PETTIGREW, MEERTENS 1995).
In den Bewertungen ergibt sich dennoch ein deutlicher Unterschied zu den Urteilen, die die Öffentlichkeit nach 1989 insbesondere über die "Asylanten" fällte. Gerade die beiden genannten Gruppen, nämlich Asylbewerber und türkische Mitbürger, wurden die ersten Opfer der fremdenfeindlichen Eskalation.
Diese 1986 noch sehr spezifische, besonders auf Asylbewerber eingeschränkte Fremdenfeindlichkeit hat sich in den 90er Jahren nicht nur verstärkt, sondern ist von der fremdenfeindlichen Klientel auf andere Gruppen generalisiert worden.
Deutlicheres Indiz für die Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit als empirische Ergebnisse bieten vor dem Fall der Mauer aber die Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien wie die der REPUBLIKANER oder der DVU. Beide Parteien hetzten in Wahlkämpfen mit ausländerfeindlichen Parolen und Wahlzielen, die sogar oft noch jenseits der postulierten ADN lagen und erzielten doch auf Kommunal- und Landesebene beträchtliche Zugewinne.
Besonders das Asylthema bzw. die Zuwanderung von Ausländern diente dabei als Aufhänger, um dumpfe Ängste vor "Überfremdung" und "Identitätsverlust" in offensichtlich prädisponierten Bevölkerungsteilen zu wecken und war Deckmantel einer über die Gruppe der Asylbewerber weit hinausgehenden Fremdenfeindlichkeit.
Individuelle Wahlentscheidungen sind jedoch geheim und in diesem Fall ein besonderer Indikator für fremdenfeindliche Latenzen. Sie sind im Ergebnis ein Nachweis für die entsprechend disponierte, aber noch eher schweigende Gruppe. Vor 1990 bekannten sich nur wenige öffentlich als Wähler dieser Parteien, während die Massenmedien Selbstdarstellungen rechtsradikaler Politiker in der Berichterstattung eher unwillig zuließen, wenn sie sie nicht gar unterbanden.
Für den Bereich der früheren DDR lassen sich leider bezüglich der Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit keine ausreichend verläßlichen Angaben machen. Es erscheint jedoch bemerkenswert, daß bereits wenige Monate nach dem Fall der Mauer empirische Untersuchungen eine starke Antipathie der ehemaligen DDR-Bürger gegenüber Türken belegen (nach PFAHL-TRAUGHBER 1992:20), obwohl es vor 1989 zwischen Türken und Ostdeutschen wohl kaum Kontakte gegeben hat. Dieses Faktum scheint sowohl auf eine durchaus fremdenfeindliche Orientierung - vor allem auch im Sinne des Konkurrenzansatzes - von Teilen der Bevölkerung als aber auch auf eine offensichtliche Wirkung von Westmedien (19) hinzuweisen.

3.3. Veränderte Wahrnehmungen

Einstellungen gegenüber bestimmten Sachverhalten, z.B. gegenüber Ausländern, werden besonders von den subjektiven Annahmen, in denen das Einstellungsobjekt "Ausländer" mit bestimmten Attributen verknüpft wird, bestimmt. Diese Attribute werden dem Einstellungsobjekt subjektiv zugeschrieben und mehr oder weniger positiv bewertet. Negative Attitüden gegenüber Ausländern kommen dann durch subjektiv für wahr gehaltene Annahmen bzw. Antizipationen zustande.
Derartige Annahmen können sich beispielsweise auf die Antizipationen größerer Wohnungsnot, Verlust des Arbeitsplatzes durch Ausländer, wahrgenommene wirtschaftliche oder sexuelle Konkurrenz oder ganz allgemein im Sinne von Scapegoat-Theorien ("Sündenbock") auf eine Wahrnehmung der Verschlechterung der Gesamtsituation beziehen.
Negative Attitüden gegenüber Ausländern sind im Sinne kognitiver Konsonanz eng mit negativen Stereotypen verknüpft.
Bezüglich der Zuwanderung von Ausländern fragte das Institut für Demoskopie in Allensbach im Dezember 1989 nach den Erwartungen der Bürger in Westdeutschland:
89% von ihnen erwarteten eine mit der Zuwanderung einhergehende größere Wohnungsnot, 76% zunehmende Arbeitslosigkeit, 75% befürchteten, daß immer mehr Menschen auf Sozialhilfe angewiesen sein würden, 64% antizipierten Spannungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern, 57% sahen mehr Zulauf für radikale Parteien und 55% erwarteten steigende Kriminalität (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:519). Hier wird sicherlich der Fall der Mauer eine Rolle gespielt haben, aber die Zukunftsängste sind doch deutlich auf das Thema "Ausländer" bezogen.
Das Thema Ausländer, Asylrecht und Asylbewerber nahm seit 1990 sowohl in der Wahrnehmung der dominierenden Massenmedienthemen als auch im Problembewußtsein der Deutschen einen Spitzenplatz in der Agenda ein und zwar noch vor den Problemen der Wiedervereinigung. So wurde 1992 der Themenblock Ausländer, Asyl und Rechtsextremismus von 39% der Bevölkerung als größtes politisches Problem genannt, weit vor allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Problemen (22%, z.B. Arbeitslosigkeit) und spezifischen wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wiedervereinigung (FUNK, WEIß 1995:22).
Fremdenfeindlichkeit wurde in dem sich verschärfenden Klima insbesondere in der seit 1990 intensiver geführten politischen Debatte um den Artikel 16 des Grundgesetzes und damit gegen das Stereotyp des "Asylanten" deutlich. Dennoch sind auch deutliche Änderungen der Haltung der Bevölkerung gegen Ausländer insgesamt damit in Verbindung zu bringen.
Im Januar 1985 und September 1989 stellte das Institut für Demoskopie (IfD) in Allensbach (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:530) die Frage: "Sind Sie alles in allem dafür oder dagegen, daß mehrere Millionen Ausländer bei uns leben ?". Konstant waren in beiden Umfragen 45% dagegen, die Befürworter vermehrten sich leicht von 21% auf 24%. 34% bzw. 31% waren unentschieden. Im Dezember 1991 gab es jedoch schon für 65% der Westdeutschen zu viele Ausländer in Deutschland, während dies 59% der Ostdeutschen glaubten. 71% bzw. 64% glaubten dann auch, die Mehrheit der Deutschen sei gegen Ausländer eingestellt, was sich bei genauer Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse als Irrtum herausstellt. "Nur" 26% bzw. 19% fühlten sich "...alles in allem durch Ausländer gestört" (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:531). Hier wird aber doch ein vergleichsweise starkes fremdenfeindliches Potential deutlich, denn dieses Item hatte in den Jahren zuvor die 10% nicht überschritten.
Die Krisenstimmung der Bundesbürger geht nicht nur bei dieser Einschätzung einher mit falschen Wahrnehmungen und Einschätzungen von Situation und Meinungsklima, mit übertriebenen und stereotypen Vorstellungen von der Krise und ihren Ursachen.
Die EICHSTÄTT-Studie (LAMNEK, FUCHS 1992) belegt, daß auch in Gebieten, in denen der Ausländeranteil dem Bundesdurchschnitt entsprach und keine Asylbewerber untergebracht wurden, die Wahrnehmung des Ausländeranteils weit überschätzt und eine kaum mögliche Präsenz von Asylbewerbern perzipiert wurde. Sie bestätigt die Tendenz, daß die Beurteilung von Asylbewerbern weit schlechter war als die von Gastarbeitern und Aussiedlern. Sie zeigt aber auch, wie sehr soziale Erwünschheiten und falsche Wahrnehmungen durch Überbetonungen in Massenmedien und Öffentlichkeit das Urteil der Bevölkerung bestimmen.
Die Eichstätter haben einen Ausländeranteil von 6%, dennoch haben sie bei Nachfrage mit unverhältnismäßig vielen ausländischen Mitbürgern Kontakt bzw. engeren Kontakt. Sie schätzen den Ausländeranteil in der BRD auf durchschnittlich 12% und haben den Angaben nach unverhältnismäßig viel Kontakte zu Asylbewerbern - obwohl es in Eichstätt und näherer Umgebung kein Asylbewerberheim gibt. Das wußte aber kaum einer der Befragten, die größtenteils davon überzeugt waren, auch mit Asylbewerbern zu tun zu haben.
Bei mindesten 20% der Befragten konnten ausländerfeindliche Haltungen , besonders gegen Asylbewerber festgestellt werden. Die Tendenz zeigt sich auch in der bundesweiten Empirie: So hielten die Bundesbürger "...die Probleme, die in der Bundesrepublik durch den Zustrom von Asylanten entstanden sind" (IfD-Umfrage 5056, zit.n.BROSIUS, ESSER 1995:106) zu 53% für unerträglich, 36% waren gegenteiliger Ansicht. Die Situation an ihrem Wohnort hielten dagegen nur noch 21% für nicht mehr erträglich, 66% waren umgekehrt zufrieden.
Eine Lösung des Asylproblems durch die Politik genoß übrigens bereits vom Beginn der Asyldebatte an kein großes Vertrauen bei der Bevölkerung. Bereits im Oktober 1990 glaubten in ganz Deutschland 60%, die Politiker würden sich nicht ernsthaft um die Lösung des Asylproblems bemühen (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:537). Die Empirie zeigt, daß die Bürger auch im Laufe der politischen Asyldebatte nur wenig Vertrauen in die Politiker hatten.
Auch der Begriff des "Asylanten" machte in kurzer Zeit negative Karriere, sowohl in der Öffentlichkeit wie auch in den Umfragen.
Im November 1988 brachten nur 2% den Begriff des Asylbewerbers in Zusammenhang mit dem Begriff "Wirtschaftsflüchtling", 33% dagegen ordneten Asylbewerbern den Status politisch Verfolgter und Regimegegner zu (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:528). Im Dezember 1991 assoziierten das nur noch 15% sowohl in Ost wie in West. 17% bzw. 7% sprachen von "Scheinasylanten" oder gar "Schmarotzern", 14% bzw. 11% fiel der Terminus "Wirtschaftsflüchtling" ein (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:537).
Nach den Ausschreitungen von Hoyerswerda im September 1991 befragte das POLITBAROMETER (Nach OHLEMACHER 1994:230) die Bundesbürger in Ost und West, ob sie glaubten, daß die meisten Asylbewerber das Asylrecht mißbrauchen würden. Zwischen Oktober 1991 und Dezember 1992 wurden dabei im Westen monatlich zwischen 62,6% (Minimum) und 76,5% (Maximum) gemessen, die der Ansicht waren, die meisten Asylbewerber würden das Asylrecht mißbrauchen.
Im Osten waren es wesentlich mehr: Das Politbarometer registrierte Werte von 77,2% bis 86,9%. OHLEMACHER zeigt, daß die fremdenfeindliche Delinquenz nicht nur in hohem Maße mit dieser Wahrnehmung korreliert (r=0,898 bzw. 0,887), sondern die Wahrnehmung des Asylmißbrauchs auch die stärker bestimmende Variable ist. Diese Wahrnehmung kann eigentlich nur ein Ergebnis entweder der Medienrezeption oder einer a priori ausgeprägten fremdenfeindlichen Attitüde sein.
Insgesamt präsentiert die Empirie eine wachsende, weil ausgesprochene Fremdenfeindlichkeit. Eine Mehrheit meinte, es würden sowieso schon zu viele Ausländer in der Bundesrepublik leben. Die Bürger hatten überwiegend den Eindruck, die Zuwanderungszahlen sein zu hoch bis geradezu bedrohlich.
Ebenfalls eine Mehrheit meinte, die Zuwanderung beruhe zum größten Teil auf dem Mißbrauch von deutschem Recht. Das Bild des Asylbewerbers, zuvor schon nicht positiv , eskalierte zum Zerrbild des Asylanten. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung billigte in der einen oder anderen Form tatsächlich die Gewalt gegen Asylbewerber, die Mehrheit war in einer pluralistic ignorance gefangen, indem sie glaubte, die Mehrheit billige die Übergriffe in irgendeiner Form und sei gegen Ausländer eingestellt (KÖCHLER, NOELLE-NEUMANN 1993:531).
Die pluralistic ignorances sind bereits ein deutlicher Anhaltspunkt für die Eskalation des Meinungsklimas. Die offensichtliche Zunahme der Fremdenfeindlichkeit kommt ebenfalls keineswegs aus dem Nichts: Hier äußern sich Akteure, die zuvor lediglich geschwiegen hatten, innerhalb eines permissiveren Meinungsklimas.
3.4. Die Rolle der Massenmedien

Als wesentlicher Verstärker für die Eskalation der fremdenfeindlichen Delinquenz war - nicht völlig zu Unrecht - ein Schuldiger sehr schnell ausgemacht:Die Massenmedien.
Die Liveübertragungen von den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda wurden von Beginn an heftig kritisiert und mit Verweis auf die nachfolgende Welle der ausländerfeindlichen Kriminalität als Auslöser derselben bewertet.
Argumentiert wurde mit einem rein "banduranischen" Ansatz, den auch BROSIUS und ESSER (1995:77ff.) vertreten: Typisch für einen Nachahmungseffekt seien die engen zeitlichen Verknüpfungen zwischen Hoyerswerda und den Nachfolgetaten.
Das erlernte Modell sei unkomplex (Vandalismus, Gewalt, Brandstiftung) und habe lediglich aktualisiert werden müssen, da größtenteils schon bei den Nachahmern vorhanden.
Die Motivation habe bereits vorher bestanden, die Berichterstattung habe dann einen Enthemmungseffekt gehabt.
Aufgrund der Medienberichterstattung hätten die Nachahmungstäter auch eine Wahrnehmung weniger wirksamer sozialer Kontrolle gehabt: Der Polizei in Hoyerswerda z.B. wurde Sympathie für den brandschatzenden Mob vorgeworfen.
Aus den Medien konnten Nachfolgetäter schließlich sogar den "Erfolg" der Gewalt beobachten, als die Einwohner des Ausländerwohnheimes mit Bussen evakuiert wurden.
Das schlagende Argument gegen die Massenmedien sei jedoch die intensive Aufmerksamkeit, die den Ausschreitungen gewidmet wurde: Sie habe "namenlose Psychopathen zu anonymen Prominenten" (KEPPLINGER, zit.n. BROSIUS, ESSER 1995:79) gemacht.
Gegen diese etwas simplifizierte, sprich delinquentenzentrierte Sicht der Dinge können jedoch mehrere Einwände vorgebracht werden: Die Daten zeigen nämlich, daß sich die Ereignisse von Hoyerswerda keineswegs am Fuß der Welle fremdenfeindlicher Kriminalität befinden, sondern mitten in der aufsteigenden Kurve (Siehe Tab.1oder OHLEMACHER 1994:227) oder Grafik
Die vier Schlüsselereignisse Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen, über die besonders intensiv in den Medien berichtet wurde, können angesichts der Datenlage allesamt nicht als Auslöser für die Wellen betrachtet werden, sondern lediglich als events, die immerhin das Ansteigen der Kurven zu katalysieren scheinen. Die Morde von Mölln könnten qualitativ sogar als vorübergehende Schockwirkung auf die fremdenfeindliche Delinquenz beschrieben werden, da unmittelbar nach diesem Ereignis die Delinquenzkurve vorerst rapide sinkt.
Offensichtlich wird hier die soziale Kontrolle vorübergehend wieder stärker wirksam.
Da die Massenmedien hauptsächlich eine intensive Berichterstattung über die o.a. vier events betrieben hat, es sich schließlich hier aber um einen Zeitraum von drei Jahren dreht, kann von einer zeitlichen Nähe zwischen Modell und Ausführung in diesem speziellen Fall kaum die Rede sein.
Die unterstellte "massenmediale" Motivation der Delinquenten ist sicherlich nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. Jedoch findet sich in der bisher einzigen Studie über Täterstrukturen von WILLEMS,WÜRTZ und ECKERT (1995) keine empirischen Belege dafür. In der Studie werden als Motivationen wahrgenommene bzw. antizipierte Konkurrenz mit den Zuwanderern um Arbeit, Wohnraum, Arbeitslosen- und Sozialhilfe, ein eher dumpfer Ausländerhaß oder schlicht Langeweile deutlich, eine "massenmediale" Motivation taucht aber nicht auf.
Schließlich erfaßt dieses sehr spezielle Modell einer der wichtigsten Modellfunktionen von Massenmedien nicht:
Die Vermittlung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung, in diesem Fall die Asylberichterstattung, auf die ein erheblicher Anteil der von BROSIUS und ESSER gefundenen Effekte ebenfalls zurückgeführt werden könnten.
Massenmedien können als "Zweite Öffentlichkeit" betrachtet werden, die durch ihre berichterstatterischen Selektionskriterien der Konfliktorientierung, des Sensationalismus, Negativismus und der subjektiv perzipierten Wichtigkeit (Vgl. KEPPLINGER 1989) Effekte für die Wahrnehmung eines bestimmten Meinungsklimas haben.
Allein schon durch den Zwang zur Selektion und Reduktion von Komplexität kommt es inhärent zur Betonung und zum Verschweigen von Informationen, inhaltlich zu Stereotypisierungen und Überbetonungen.
In den Informationsgesellschaften stellen die Massenmedien eine wesentliche Quelle dar, aus der Akteure Einschätzungen des Meinungsklimas schöpfen. Wie FRÜH (1991:151ff.) zeigt, kommt es dann auch zu Rückkopplungsschleifen zwischen Meinungsklima und Berichterstattung: Journalisten schaffen Realitäten durch ihre Berichterstattung, die über die Reaktion der Rezipienten wieder auf sie zurückwirken. Rezipienten orientieren sich unter Berücksichtigung ihrer Prädispositionen und resultierender Selektivität an der "Zweiten Öffentlichkeit" und produzieren vice versa externale Effekte auf sich selbst.
Die Massenmedien können die Realität nicht spiegelbildlich darstellen, weil sie selbst ein Teil der Realität sind. Die Rezipienten sind von den Informationen abhängig und nehmen sie als Realität auf.
Aus diesen Gründen spielen die Massenmedien auch für die Wahrnehmung des Ausmaßes an sozialer Kontrolle eine ähnlich wichtige Rolle wie z.B. die Bezugsgruppe. Und aus denselben Gründen sind die Massenmedien ein Tummelplatz für politische Akteure bzw. soziale Unternehmer jeder Herkunft, die versuchen, die Definitionsmacht der Massenmedien für sich zu nutzen.
Der Weg in die Massenmedien kann nämlich durchaus Minderheiten zu virtuellen und schließlich gar zu tatsächlichen Mehrheiten machen, wie es auch NOELLE-NEUMANN mit ihrer Theorie vom "harten Kern", der als Avantgarde die Massenmedien instrumentalisiert, bereits erkannt hat.
Inhaltsanalysen (KÜHNE-SCHOLAND 1987, MERTEN 1987, HÖMBERG, SCHLEMMER 1995) zeigen bereits, daß sich die Berichterstattung der Massenmedien zum Themenblock Ausländer, Asylrecht, Asylbewerber durchaus als problematisch für Ausländer darstellt, weil die Inhalte sich als stereotypisierend und ettikettierend erweisen können.
Zudem nehmen die Massenmedien keineswegs eine Haltung pro Asyl ein, wie es NOELLE-NEUMANN (1992:386) fälschlich darstellt.
Es zeigt sich vielmehr, daß die Massenmedien ablehnenden Tendenzen zur Frage Asyl inhaltlich eher folgen und sich mehr und mehr dem aktuellen politischen Meinungsbild bzw. der Kriminalisierung von Asylbewerbern anschließen als mit kritischen Kommentaren oder Berichten den Opfern der Gewalt zur Hilfe zu eilen (Siehe vor allem SCHLEMMER, HÖMBERG 1995).
Damit haben die Massenmedien wie auch das politische System - allerdings unintendiert - zur Kriminalisierung von Asylbewerbern beigetragen. Über die wachsende Präsenz fremdenfeindlicher Akteure in den Massenmedien waren mir keine Daten zugänglich. Hier müssen Beispiele aus dem massenmedialen Alltag zur Illustration der sinkenden Hemmschwelle gegenüber rechtsradikalen Protagonisten vor allem der audiovisuellen Medien dienen:
Vor 1990 wurden Vertreter z.B. der rechtsradikalen REPUBLIKANER oder DVU allenfalls widerwillig und nach Wahlen von Fernsehleuten in Gespräche oder Wahlanalysen einbezogen. Private Fernsehsender nutzten jedoch schon zu diesem Zeitpunkt gelegentlich die abstoßend-anziehende Wirkung, die rechtsextreme Psychopathen z.B. vom Schlage eines Michael Kühnen auf Zuschauer hatten, um z.B. Kühnen bei der Darlegung seiner wirren Gedanken zu präsentieren.
Auch konnten rechtsextreme Parteien durch immerhin scharf kritisierte Werbespots im Laufe von Wahlkämpfen bundesweit agitieren.
Nach 1990 sank dann die Hemmschwelle vor allem der privaten Fersehanstalten. BROSIUS und ESSER (1995:218ff.) präsentieren einige Beispiele wie z.B. den Besuch des Vorsitzenden der REPUBLIKANER, Schönhuber in der Mitternachtsshow eines überforderten Thomas Gottschalk oder die Einladung von M.Schreinemakers an den Ausschwitzleugner und Exekutionsexperten Fred Leuchter (20), die am Tage zuvor und bis zur Sendung mit dem Auftreten Leuchters sozusagen für ihre Sendung warb.
Hier hat sich KEPPLINGERS o.a. Ausspruch, daß zu diesem Zeitpunkt jeder Psychopath die Aufmerksamkeit von Millionen haben konnte, doppelt bewahrheitet. Lassen die (berechtigten) Berührungsängste populärer Fernsehmenschen ("Multiplikatoren") nach, ist dies sicherlich ein Signal in Richtung sozialer Akzeptanz.
Es gibt aber auch meßbare Effekte und Zusammenhänge der massenmedialen Berichterstattung bzw. ihrer Rezeption: Da sind vor allem die sicherlich unter etwas anderen theoretischen Voraussetzungen erstellten, aber in ihrer Aussagekraft recht starken Zeitreihenanalysen, die BROSIUS und ESSER liefern.
Sie zeigen zum Teil sehr deutlich, daß die Berichterstattung über die Straftaten, aber auch über Rechtsradikalismus (1995:165), politisches Handeln, Gerichtsverfahren und rechtsradikale Gruppen (1995:158) Effekte für die nachfolgenden Ereignisse, sprich fremdenfeindliche Delinquenz hatte.
Hält man sich noch einmal das oben beschriebene HEITMEYER-Modell vor Augen und berücksichtigt den Rational Choice Zugang, ist dies sicherlich auch aussagekräftig für die Kommunikationsbereitschaft fremdenfeindlicher Akteure.
Eine Transaktionalität zwischen Meinungsklimata, Ereignislage, Medienberichterstattung und Delinquenz wird ohnehin kaum von einem Autor in Frage gestellt, lediglich die Frage der Bedeutung dieser Transaktionalität für die Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindliche Delinquenz ist umstritten.
Mit der erstaunlich armseligen Datenbasis, die die Sozialwissenschaften bisher dafür zur Verfügung gestellt haben, läßt sich in Begriffen anspruchsvoller Methoden ohnehin nichts über irgendwas sagen. Immerhin kann man aber den Versuch machen, durch die Identifikation von Spuren dieser Transaktionen etwas über Tendenzen zu sagen:
In der folgenden Korrelationsmatrix (Tab.1) wird offenbar, daß die Medienrezeption des Themas Ausländer, Asyl, Asylbewerber (REZASY) (21) starke Zusammenhänge nicht nur mit den Sorgen der Deutschen über "zuviel Ausländer" (SORGEN (22) - .8872), sondern auch mit der Entwicklung der fremdenfeindlichen Kriminalität (KRIMI (23) - .9717) und Gewalt (GEWALT (24) - .8729) aufweist.

Tab.1 Korrelationsmatrix: Fremdenfeindliche Delinquenz, Medienrezeption und Meinungsklimata
  GEWALT MISSWEST MISSOST REZASY PROBASY SORGEN
KRIMI .9307 .6760 .9308 .9717 .6757 .8053
GEWALT   .7494 .8591 .8729 .7974 .7562
MISSWEST     .7972 .6939 .9208 .6803
MISSOST       .9786 .7879 .9093
REZASY         .7101 .8772
PROBASY           .6580

Ein besonders starker Zusammenhang ergibt sich zwischen REZASY und der Wahrnehmung des Mißbrauchs des Asylrechts in den östlichen Bundesländern (MISSOST (25) - .9786), während der Zusammenhang im Westen der Bundesrepublik (MISSWEST (26)) dagegen eher mäßig bleibt (.6939).
Eine Erklärung wäre hier, daß die Berichterstattung zum Thema Asyl im Westen vor 1990 bereits eine Vorlaufzeit gehabt hat. Die Erstnennung des "nationalen Problems Asylrecht" dagegen, PROBASY (27), weist mit der Mißbrauchswahrnehmung des Asylrechts sowohl im Osten wie im Westen recht starke Zusammenhänge auf, was immerhin darauf hinzuweisen scheint, daß diese Variablen gleiche Dimensionen messen.
Andererseits enthalten die Datensätze MISSOST, MISSWEST und REZASY nur jeweils 11 bzw. 12 Monatswerte, so daß ihre Aussagekraft wie natürlich auch die Aussagekraft der anderen Korrelationen mit Vorsicht zu genießen sind.
Immerhin widerlegen diese Daten und ihre Zusammenhänge aber auch nicht die These von der Interaktion zwischen fremdenfeindlicher Kriminalität, einem fremdenfeindlichen (partiellen) Meinungsklima und Medienrezeption. In Verbindung mit den Effekten, die die ausgedehnten Zeitreihenanalysen von BROSIUS und ESSER zeigen, deuten diese Zusammenhänge, besonders wenn sie zeitlich versetzt korreliert (Siehe OHLEMACHER 1994) werden, auf die postulierten Wechselwirkungen.

4. Zusammenfassung

Die Äußerung einer Meinung ist als Handlung ebenso sozialer Kontrolle unterworfen wie andere Verhaltensweisen.
In Antizipation von Mißbilligung oder anderen Sanktionen werden deswegen abweichende Meinungen im Alltag nicht geäußert, wenn ihnen im situativen Kontext kein besonderer Zweck zugeschrieben wird.
Sinkt in der subjektiven Wahrnehmung der Akteure die Wahrscheinlichkeit einer Sanktion, steigt die Wahrscheinlichkeit der Äußerung der Meinung. Damit entstehen externe Effekte für die Kontrollwahrnehmungen anderer noch schweigsamer Akteure.
Die Empirie zur Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik läßt die Vermutung zu, daß vor 1989 ein beträchtliches Potential schweigender fremdenfeindlicher Akteure existierte.
Mit der Asyldiskussion wurde nach 1989 in beiden Teilen der inzwischen vereinigten Bundesrepublik Deutschland ein gleichsam beträchtliches wie erschreckendes Potential an Ausländerfeindlichkeit deutlich und zwar in dem Maße, in dem fremdenfeindliche Gewaltakte und Straftaten anstiegen und in mehreren Wellen die Bundesrepublik erschütterten.
Die Veränderungen in der Demoskopie lassen annehmen, daß das Asylthema fremdenfeindliche "coming out"-Prozesse katalysiert hat.
Die Massenmedien haben diesen Prozeß in ihrer Berichterstattung mehr oder weniger filterlos dokumentiert und in Interaktionen Zug um Zug mit dem Meinungsklima noch schweigenden fremdenfeindlichen Akteuren zum "speaking out" verholfen.
Deren Wahrnehmungen von einer legitimierten Rejektion von Ausländern hat sich zwar in den Zahlen ebenso als ein Minoritätsirrtum herausgestellt wie der Irrtum der Mehrheit über die Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit. Trotzdem waren diese Akteure zumindest bis 1993 ihren Wahrnehmungen getreu real in den Konsequenzen ihres Handelns.
Die Empirie konnte jedoch nur Spuren des postulierten Eskalationsmodells aufzeigen, wenngleich im Gegenzug die Frage gestellt werden muß, wie die erwähnten public ignorances über das Verständnis der Bundesbürger für die Gewalttäter und die Verbreitung von Ausländerfeindlichkeit sonst zu erklären wären.
Die Übertragung situativer Eskalationsprozesse der Gewalt auf globalere Zusammenhänge, wie sie LÜDEMANN (1992) analysiert, erscheint zu reduktionistisch.
BROSIUS und ESSER konzentrieren sich lediglich auf die Effekte, die die Präsentation von Straftaten durch die Massenmedien gehabt haben und vernachlässigen das Meinungsklima außerhalb der Massenmedien.
Die Spirale des speaking out allein erklärt natürlich nicht fremdenfeindliche Delinquenz, nicht Mölln und nicht Solingen. Eine Erklärung der Eskalation der Delinquenz jedoch ist unvollständig, ja, verfälschend, wenn sie den Verlust der sozialen Kontrolle der Fremdenfeindlichkeit unberücksichtigt läßt.
Ein Eskalationsprozeß dieser Größenordnung wäre ohne die Massenmedien kaum denkbar, Hoyerswerda und Rostock kaum ein Modell für eine bestimmte Täterklientel geworden.
Es wäre jedoch ebenfalls falsch, die Verantwortung für verzerrte Wahrnehmungen und Kontrollüberzeugungen den Massenmedien, also den Journalisten zuzuschieben.
Das politische System, daß die Gewaltakte öffentlich an das Asylthema koppelte - mit der lauthals verkündeten Strategie "je weniger Asylbewerber, desto weniger Gewalt" - hat ohne Zweifel Erfolgserlebnisse des grölenden Mobs und rechtsradikaler Wohnzimmerpolitiker ermöglicht. Die Probleme der Transformationsphase der Wiedervereinigung rangierten gegenüber der "Bedrohung" durch das Asylrecht für die meisten Bundesbürger nur unter "ferner liefen...".
Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung der Bundesrepublik muß nach wie vor als fremdenfeindlich beschrieben werden, ein derzeit wieder eher schweigendes Potential, daß aber kaum die Sprache noch ihre Attitüden verloren haben dürfte.

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PFAHL-TRAUGHBER,Armin (1992) "Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern", in: Aus Politik und Zeitgeschichte 3-4, 1992, S.11-21

SCHNEEWIND,Klaus (1992) "Persönlichkeitstheorien II. Organismische und dialektische Ansätze" , Darmstadt 1992

SYKES,G.M.
MATZA,D. (1968) "Techniken der Neutralisierung. Eine Theorie der Delinquenz", in: F.Sack / R.König (Hrsg.) "Kriminalsoziologie", Frankfurt a.M. 1968

WILLEMS,H. WÜRTZ,S. ECKERT,R. (1995) "Fremdenfeindliche Gewalt. Eine Analyse von Täterstrukturen und Eskalationsprozessen", Opladen 1995

Fußnoten

(1)Die erste Publikation, in der die Schweigespirale auftaucht, heißt übrigens auch "Öffentliche Meinung und soziale Kontrolle" (NOELLE 1966). zurück

(2)subjective expected utility zurück

(3)Eigentlich ja RREESM wegen satisficing. zurück

(4)Zu BANDURAS Theorie siehe BANDURA (1979) und SCHNEEWIND (1992). zurück

(5)Hier greift die orthodoxe Bedeutung des Wortes 'deterministisch' nicht. Gemeint ist vielmehr eine Erzeugung von Effekten durch Ereignisse. Es bleibt ein in Grenzen freier Wille des Individuums. zurück

(6)Auch Beobachtungslernen oder Lernen am Modell. zurück

(7)Dabei sind nicht nur Sprechakte gemeint, sondern alle symbolischen Handlungen, die im weiteren Sinne als Meinungsäußerung definiert werden können, z.B. Beifall, Aufkleber oder Gesten. Man denke z.B. an das Foto im Stern, daß anläßlich der fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 gemacht wurde und als Bild des häßlichen Deutschen um die Welt ging: Ein Mann im Jogginganzug mit durchnäßter Hose und Bierflasche, der in strammer Haltung die Hand zum sogenannten Hitlergruß erhoben hat. zurück

(8)Nach der Theorie ist dieser imitative Konformismus der Akteure nicht erlernt, sondern entspringt - offensichtlich reflexhaft - aus der Isolationsfurcht. Das Bild des Menschen als "soziales Tier" hat sich bei NOELLE-NEUMANN offensichtlich besonders an den bekannten Konformitäts- bzw. Gehorsamsexperimenten der Psychologen ASCH und MILGRAM entzündet. zurück

(9)Siehe auch ESSER (1993:133ff.) zurück

(10)...und paradoxerweise mechanistisch anmutetende.. zurück

(11)Sprechakte können auch Straftaten sein: Man denke an Beleidigung,Volksverhetzung oder die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. zurück

(12)Bereits HOMANS (1970:277) weist darauf hin, daß führende Akteure zu besonderer Konformität gezwungen sind. zurück

(13) 17.9.1991-20.9.1991. Die Massenmedien berichteten z.T. live vom Ort des Geschehens. zurück

(14)22.8.1992 zurück

(15)Natürlich kann auch "Konformität" situativ ansteckend sein: Man denke an den Lemmingeffekt, bei denen Individuen der Masse die Führung überlassen. zurück

(16) Die sogenannte "Minimumthese". zurück

(17)HOFFMANN und EVEN verstehen unter Ausländerfeindlichkeit "jede Weigerung, dem Ausländer dieselben Rechte einzuräumen, die die Inländer innehaben, solange die Ausländer nicht auch die bisher geltende Inländeridentität angenommen haben" (1984:184). Die gleichen Autoren nennen vier verschiedene Ansätze zur Erklärung von Ausländerfeindlichkeit: Anthropologische Erklärungen verweisen auf die Angst vor dem Fremden schlechthin, ideologiekritische Ansätze sehen als Ursache für Ausländerfeindlichkeit Rassismus. Diese beiden Ansätze beziehen sich auf eine eher nicht-kognitive, weil unbewußte affektive Basis für ausländerfeindliche Attitüden zurück. Psychologische Erklärungen gehen davon aus, daß sich Ausländerfeindlichkeit aus dem Vorhandensein von Vorurteilen bzw. negativen Stereotypen erklären läßt. Sie sind damit auf einer kognitionspsychologischer Basis eng verbunden mit krisentheoretischen Ansätzen, die Ausländerfeindlichkeit durch wahrgenommene und/oder antizipierte Konkurrenz entstehen sehen. Beide Ansätze sind kompatibel mit einer in dieser Arbeit grundgelegten Theorie der rationalen Wahl (ESSER 1993). zurück

(18)In diesem Jahr erreichte die Zahl der Asylbewerber erstmals die 100000-Grenze, was politische Aufmerksamkeit auf sich zog. Danach sank die Zahl der Aylbewerber vorerst wieder. zurück

(19) Vergleiche die Analysen von MERTEN (1987) und KÜHNE-SCHOLAND (1987), in denen das Bild des Ausländers, besonders türkischer Mitbürger, als besonders problematisch identifiziert wird. zurück

(20)Am 28.10.1993, 3 Monate nach den Morden von Solingen ! Leuchter wurde jedoch am Tage der Sendung verhaftet und wenige Tage später abgeschoben. zurück

(21) Daten aus der Sekundäranalyse eines FORSA-Datensatzes (tägliche Telefonumfragen, Zeitraum 1992) nach FUNK und WEIß (1995:23). Gefragt wurde nach dem dominierenden Medienthema, einbezogen wurde die Erstnennung des Themas. zurück

(22)Daten aus Umfragen des Institutes Allensbach mit der Frage: "Sind Sie der Meinung, daß zuviele Ausländer in der Bundesrepublik leben ?" (Zeitraum August 1990-Dezember 1992 , nach BROSIUS, ESSER 1995:104) zurück

(23) Daten des BKA (Zeitraum Januar 1991-Oktober 1993, nach OHLEMACHER 1994:227) zurück

(24)Daten des BKA (Zeitraum Januar 1991-Oktober 1993, nach OHLEMACHER 1994:227) zurück

(25)Daten des POLITBAROMETER (Zeitraum November 1991-Dezember 1992, nach OHLEMACHER 1994:230) zurück

(26)Daten des POLITBAROMETER (Zeitraum Oktober 1991-Dezember 1992, nach OHLEMACHER 1994:230 zurück

(27) Nach FUNK und WEIß (1995:23). Gefragt wurde nach dem wichtigsten nationalen Problem, einbezogen die Erstnennung des Themas (Zeitraum 1992) zurück

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