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Vom Affen zum Menschen 2. Evolution des Menschen.
von Louis de Bonis
Spektrum der Wissenschaft 2002
Broschiert - 146 Seiten - EUR 8,90 bei AMAZON


Kleine Geschichte der Hominiden

Wann wird der Mensch zum Mensch

oder: Warum ich keine Stammbäume mehr zeichne...

"Wann ist ein Mann ein Mann ?" sang vor rund 20 Jahren (Korrigieren Sie mich) Herbert Grönemeyer. Die Paläoanthropologie oder schlicht: die Wissenschaft von den vorzeitlichen Menschen(ähnlichen) hat ein ähnliches Problem. Wann wird in der Entwicklungsgeschichte der Mensch zum Menschen ? Die Frage selbst erweist sich schon als vielschichtig:

1 - Erstens kann sich diese Frage speziell darauf beziehen, wann unsere (Unter-) Art - der Homo sapiens sapiens (nein, kein Wiederholungszwang, wir haben uns selbst "wissend" zum Quadrat getauft) entsteht.

2 - Zweitens kann sie sich allgemeiner auf die Entstehung der Art Homo sapiens beziehen.

3 - Drittens kann sie sich grundsätzlich auf die Entstehung der Gattung Mensch bzw. Homo beziehen.

3½ - Viertens kann sie sich im interdiziplinären Vergleich mit der Primatologie darauf beziehen, was den Menschen von seinen nächsten noch lebenden Verwandten, den Schimpansen (Pan), unterscheidet. Die 3½ steht geschrieben, weil diese Frage in der Paläoanthropologie letztlich dann doch auf die Frage der Entstehung der Familie der Hominiden verweist, deren letzte überlebende Art wir auf Erden repräsentieren. Zum besseren Verständnis: Die Hominiden erblickten das Licht der Welt an dem Punkt in der Entwicklungsgeschichte, an dem die Vorfahren der Menschen und der heutigen Menschenaffen sich trennten. Und auch das ist eine der zentralen Fragen, chronologisch sogar der Beginn der Fragestellungen in der Paläoanthropologie.

Um es vorwegzunehmen: Auf keine dieser Fragen gibt es bis heute eine genügend evidente, geschweige denn endgültige Antwort. Dafür existiert aber ein Wust datenbasierter Spekulationen. Wäre die Fragestellungen von 1 bis 3½ nicht schon faszinierend genug, könnte man allein schon von der Phantasie und dem Scharfsinn der zahlreichen Theorienentwürfe begeistert sein.

Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt erschien die menschliche Evolution noch als eine relativ einfache und gerade Geschichte, die vor allem auf der Vorstellung fußte, daß in chronologischer Reihenfolge, von Art zu Art menschlichere, "modernere" Eigenschaften angehäuft wurden. Die Entwicklungslinie sah noch aus wie ein Stammbaum, in dessen Krone der zarte Zweig der Menschheit erblühte. Gerade einmal zwei bzw. drei Gattungen waren bekannt. Unsere eigene Gattung Homo und der Australopithecus (Diese Gattung, 1925 von Raymond Dart klassifiziert, wird von manchen in eigenständige Gattungen mit gemeinsamen Wurzeln geteilt , die grazilen A. als zur Gattung Homo führender Ast und die robusten A., die die Gattung Paranthropus bildeten). Auch innerhalb unserer eigenen Gattung war es noch recht ruhig. Werfen Sie einmal ein Blick auf das nächste Schaubild, wobei noch gut eine imaginäre Entwicklungslinie von rechts nach links gezogen werden kann:

So wird´s nie wieder !

Dann folgte (vergleichsweise) eine Flut neuer Funde: Zuerst erhielt die Gattung Australopithecus enormen und ehrwürdigen Zuwachs (während die Gattung Homo mit rudolfensis und habilis wieder zwei Familienmitglieder an die Australopithicinen verlor), während der "Supermensch" erectus nicht mehr gar so einsam am Stammbaum hing. In den letzten 2 Jahren kam dann der durchaus positive Schock. Gleich vier neue Gattungen und ein halbes Dutzend neuer Arten entsprangen den Sedimenten und Systematiken von Erde und Forschern und machten das liebgewordene Bild einer geraden, linearen Entwicklung zum Menschen vorerst zunichte. Denn plötzlich paarten sich bei uralten Funden höchst moderne Merkmale mit affenartiger Primitivität. Das folgende Schaubild ist dem Wissenschaftsmagazin Nature entnommen:

Aus Nature 418 - 2002 Aus: Nature 418 - 2002

Das Schaubild zeigt die bisher durch Funde bekannten Gattungen und Arten des Hominidenstammes mit der Ausnahme, daß die Schimpansen ebenfalls dargestellt sind (Pan; also Schimpansen und Bonobos). Die Länge der Balken im Verhältnis zur Zeitachse verweist auf den frühesten bzw. spätesten Nachweis der jeweiligen Art. Noch eine kurze Erklärung zur Legende: Fakultative Bipedie bedeutet, daß das Lebewesen sich sowohl mittels zweier wie aber auch mittels der 4 Extremitäten vorwärts bewegt hat, je nach Umständen. Die Arten, die mit einem Asterisk (Sternchen) gekennzeichnet wurden, waren rund ein Jahrzehnt zuvor noch nicht bekannt.

Die neuen Gattungen Kenyanthropus, Ardipithecus, Orrorin und jüngst der Sahelanthropus machten aus dem Hominidenstamm einen Busch, wobei natürlich die jeweiligen Funde noch zu "frisch" sind, als daß sie sich hätten "setzen" können. Trotzdem würde es mehr als schwer fallen, gleich alle vier Neuformen wieder aus dem ehrwürdigen Hominidengeschlecht zu verstoßen und in die Linie unserer äffischen Vettern zu "degradieren". In jedem Fall wird die Abspaltung der Menschenähnlichen von den Affen - vorher im Zeitrahmen zwischen 5 bis 6 Millionen Jahren geschätzt - auf der Zeitachse erheblich nach hinten verschoben: Auf 7 bis 10 Millionen Jahre wird man diese - vorsichtige - Schätzung inzwischen korrigieren müßen. Trifft diese Schätzung zu, so liegt der neueste Sensationsfund im Tschad - als Sahelanthropus tschadensis klassifiziert - dem gemeinsamen Vorfahren von Menschen einerseits und Schimpansen und Gorillas andererseits sehr nahe.

Sahelanthropus, auch liebevoll Toumaï ("Lebensmut") genannt, wurde im Juli 2001 in der Djurab-Wüste im nördlichen Tschad gefunden und durch den eindeutigen Fundkontext (Man fand mit ihm die Überreste von rund 40 anderen Wirbeltierfossilien) zweifelsfrei auf 6 - 7 Millionen Jahre datiert . Damit ist Toumaï vorerst der älteste Hominide, der je gefunden wurde. Schädel und Gehirnvolumen ähneln einem Schimpansen, doch weist ausgerechnet dieser älteste Hominidenfund verblüffend moderne Merkmale hinsichtlich der zierlichen Zähne und des flachen Gesichtes auf. (Hinsichtlich der Merkmale siehe weiter unten beim Kenyanthropus !)

Dadurch wurde nicht nur die Hegemonie ostafrikanischer Fundgebiete für derartig alte Hominiden endgültig durchbrochen, sondern die durch die anderen Funde ebenfalls erhärtete Vermutung weiter bestätigt, daß eine klare Entwicklungslinie von den Vormenschen hin zur Gattung Homo vorerst wohl in der Formenvielfalt der Hominiden dieses Zeitraumes untergehen wird. Der Fund des Kenyanthropus und seine Datierung sind ein weiteres Beispiel. Zwar kommt Kenyanthropus wohl nicht als direkter Vorfahre des ersten Homo x in Frage, doch lenkt sein Fund die Aufmerksamkeit erneut auf eine mögliche Vielfalt der Arten im fraglichen Zeitabschnitt (2,5 bis 3,5 Mio Jahre). Der "Kenianer mit dem flachen Gesicht" (Kenyanthropus platyops) ist ein Zeitgenosse des Australopithecus afarensis ("Lucy"). Im Gegensatz zur äffischen Lucy wirkt sein Anlitz jedoch recht menschlich, eben flach. Auch seine Zähne sind kleiner, so daß die Hypothese noch verworfen werden muß, er könne ein Vorfahre des bedeutenden Homo rudolfenis sein. Hatte man zuvor nur eine Linie für die Entwicklungsrichtung Homo - nämlich den Australopithecus - so muß man auf Basis der Funde nun ebenfalls vermuten, daß eine große Anzahl von Gattungen und Arten, die noch gar nicht entdeckt wurden, in den Sedimenten schlummern. Jeder von ihnen könnte z.B. die Gattung Homo ehrwürdiger, sprich: älter als 2,5 Millionen Jahre machen !

Auch werden zunehmend Kriterien zur Bestimmung der hominiden Entwicklungstufe konterkariert - entweder müßte man also die lineare Entwicklung zugunsten der Pflumi-Theorie (Danach gleicht die Entwicklung der Hominiden einem Gummiball, der in eine leicht geneigte Röhre geworfen wird: Obwohl seine Tendenz Richtung Boden geht, springt er zwischendurch mal weit nach vorne, dann wieder ein gutes Stück zurück) ad acta gelegt werden oder man müßte zugestehen, daß einige bislang angewandten Kriterien für die Entwicklungstufe irrelevant sind. Die dritte Möglichkeit bestände in der Lösung des direkten Verwandtschaftsverhältnisses der Australopithicinen zur Gattung Homo - sie wären demgemäß ein abgestorbener Nebenzweig. Da wird wohl eher die ohnehin unrealistische, weil typisch menschlich exklusive Vorstellung von der elitären Entwicklung (bei anderen Tieren treffen wir ja schließlich auch auf große Formenvielfalt) daran glauben müßen: Der Stammbaum wird also zum Busch und man kann auf (zu) vielen Wegen auf unseren Gattungsast gelangen, Sahelanthropus wäre dann auch kein direkter Vorfahre des Menschen.

Wahrscheinlich tummeln sich im Vorfeld der Entstehung der Gattung Homo eine große Anzahl von Hominidengattungen, relativ sicher verbleibt bislang lediglich, daß Afrika die Wurzel des Stammes ist - außerhalb des Erdteiles wurden bislang keine derartig alten Hominiden gefunden . Die Aussicht, Frage 3½ zu beantworten, erschöpft sich aber wohl auf absehbare Zeit in einer Schätzung über die Entstehung des Hominidengeschlechtes.

Im Gegensatz zu den Australopithecinen ist die Gattung Homo grob durch folgende Kriterien definiert:
- Entwicklung eines größeren Gehirns
- Beginn einer Werkzeugkultur
- Schrumpfende Molare (zierlichere Backenzähne)
- Fakultativer aufrechter Gang bzw. Lauf (d.h. die Voraussetzungen, nicht nur zu gehen, sondern auch zu laufen wie ein Mensch)

Man darf bei Aufzählung dieser Merkmale nicht vergessen, daß sie zumindest vorerst nur konsensuale Bedeutung haben, wie dies nicht selten im Bereich biologischer Klassifikation der Fall ist. Im Tauziehen um die Zuordnung der Arten Habilis ("Jonny´s child") und Rudolfensis wird dieses deutlich und entbehrt nicht leiser komischer Töne. Über Jahrzehnte hinweg wurden beide Arten zur Gattung Homo gezählt, was allerdings durchaus nicht unumstritten war. Ohne spektakulären Anlaß, sozusagen durch den Federstrich einer Autorität wurde ihnen dieser vornehme Status vor kurzem wieder aberkannt (1999, Bernhard Wood) und sowohl Habilis wie auch Rudolfensis wurden wieder zu Vormenschen degradiert. Beide kamen und kommen durchaus als Vorvorvor...fahren des heutigen Menschen in Frage und bewegen sich zeitlich im nebligen Trennungsabschnitt zwischen den Gattungen. Es reichte offensichtlich ein geringes Umdenken über länger bekannte Fakten, um sie wieder zum Affen zu machen ! Wesentlicher Grund: Ein Kriterienkatalog, der besonders auf die Verwandtschaftsverhältnisse der betreffenden Arten mit den beiden Gattungen abzielt. Da nach diesem Katalog sowohl habilis als auch rudolfensis mit den Australopithecinen näher verwandt seien als mit bekannten Funden, die eindeutig "homo" seien, gehören sie nun zur Gattung Australopithecus. Ein wenig erinnert mich das schon an die mittelalterliche Theologie... Sei´s drum, unbestritten ist die Größe der Bedeutung beider Arten für die Entstehung der Gattung Homo im positiven oder auch negativen Snne, höchst umstritten dagegen leider, welche Bedeutung sie haben. Egal, wie man beide Arten nun mit Vornamen nennt, sie sind dem Menschen ähnlicher als alle zeitlich vor ihnen datierte Arten. Waren oder waren sie nicht eine Übergangsstufe zu einem primitiven Homo erectus, der auch als Homo ergaster bezeichnet wird ? Tatsächlich ist der sogenannte "Turkanaboy" im Vergleich zu Habilis und Rudolfensis schon ein gewaltiger Sprung und verdient sowohl seine Gattungszugehörigkeit zu den Frühmenschen als auch seine jetzige Sonderstellung als ältester bekannter Homo-Vertreter durchaus. Jedoch dürfte ein danach bestimmtes Alter der Gattung Homo (1,8 Mio Jahre) buchstäblich nur die halbe Wahrheit sein - wie bereits erwähnt, sollte man sich nicht wundern, wenn die ersten Frühmenschen bereits von 3 Mio Jahren in Afrika herumliefen, Werkzeug gebrauchten, herzhaft menschlich zubissen und ihr Gehirn wachsen ließen ;-).

Spätestens mit dem Homo ergaster dämmert also nun das Zeitalter der Menschheit herauf. Zur Superart homo erectus habe ich hier bereits einige Zeilen geschrieben. Es soll aber noch einmal betont werden, daß ergaster bzw. erectus die erste menschenähnliche Art gewesen sein muß, die den afrikanischen Kontinent verlassen hat - um sich geradezu explosionsartig auszubreiten. Bleibt noch zu erwähnen, daß hier schon lange mit neuen Funden auch neue Differenzierungen erwartet werden - das Bild, daß erectus bietet, schreit geradezu danach, daß sich hinter dieser Superart mehrere bisher nicht identifizierte Menschentypen verbergen.

Einer dieser bedeutungsschweren Funde ist 1997 möglicherweise in Atapuerca (Spanien) gelungen: der sogenannte homo antecessor, der von seinem ganzen Erscheinungsbild her schwerlich noch als erectus gelten kann und möglicherweise aus dem homo ergaster entstanden ist. Antecessor mit seinen rund 800000 Jahren ist der bisher älteste und damit erste Europäer. Ebenfalls in Atapuerca fand man auch wesentlich jüngere Heidelbergmneschen. Antecessor könnte also der letzte gemeinsame Ahne des homo sapiens und des homo neandertalensis sein. Folgt man dieser Theorie, könnten die Antecessoren (oder Ergaster), die in Afrika verblieben, sich zum Homo sapiens entwickelt haben, während ihre spanischen Kollegen auf dem Umweg über den Heidelbergmenschen die Art der Neanderthaler begründeten. Ein noch ungelöste Problem dieser Theorie ist die Tatsache, daß Antecessor bislang ausschließlich in Europa bzw. in Atapuerca gefunden wurde. Lediglich ein Schädelfragment aus Ceprano (Italien) könnte mit den Antecessorfunden korrespondieren.

Eine bedeutende Kluft tut sich nach wie vor auf, wenn man nach der Wiege der Art Homo sapiens fragt: Die sogenannte Out Of Africa - Hypothese geht davon aus, daß der Homo sapiens in Afrika entstanden ist und sich von dort aus über die ganze Welt verbreitet hat. Dagegen steht die Multiregionalitätstheorie, die in den letzten Jahren (Atapuerca !) jedoch einiges hat wegstecken müßen. Gemäß dieser Theorie hat sich der Homo sapiens in verschiedenen Teilen der Welt gleichzeitig entwickelt und durch Wanderungsbewegungen bzw. Gentransaktionen schließlich zu einer homogenen Art zusammengefunden.

(2004 - Anhang) In Vorbereitung eines Aufsatzes über die Entwicklung des Homo sapiens habe ich mir unten doch noch einen Stammbaum der Gattung Homo laut der radikalen Replacement- oder Garten Eden-Theorie zusammengeschustert:

Entwicklung des Homo sapiens nach Out Of Africa Replacement

Die Fortsetzung und insbesondere die Diskussion Out of Africa versus Multiregionalität bzw. mitochondriale DNA und ihre Reliabilität folgt wäre im Laufe dieses Jahres gefolgt...

Äh, ja - auch schon wieder überholt, der Aufsatz und der Stammbaum... *#@*# !!!



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