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Fremdenfeindlichkeit als Medienthema
und Medienwirkung. Deutschland im
internationalen Scheinwerferlicht

von Frank Esser, Bertram Scheufele,
Hans-Bernd Brosius (2002) bei AMAZON.de


Methodische Probleme der Medienwirkungsforschung

Gibt es einen Einfluß massenmedialer Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt ?
Der Glaube an ein soziales Problem und das Wissen um ein Forschungsproblem.

© 2003 Thomas Siebe

Ein kurzer Überblick in Stichworten über die hier angesprochenen Problemfelder:

- Definition virtueller Gewalt
- Positive Gewalt und negative Gewalt ?
- Definition realer Gewalt
- Zielvariable: Gewaltbereitschaft, Aggression,Gewaltdelikte, Kriminalität
- Objektive Identifizierung von Gewalt versus Rezipientenwahrnehmung von Gewalt
- Grundsätzliche Differenzierung zwischen Typen und Präsentationsformen von Massenmedien
- Experiment versus Feld
- Adäquater bzw. repräsentativer Stimulus (Boxkampf)
- Monokausalität
- Querschnitt versus Längsschnitt
- inadäquate Meßmethoden
- Unvergleichbarkeit historischer Studien, Anwachsen der Prädiktoren
- Probleme der einzelnen Forschungsfelder (Aggressionsforschung, Kriminologie)
- Fehlinterpretation im Feld als Kausalität
- Einseitiger Schwerpunkt des Verhältnisses Massenmedien und reale Gewalt bzw. Formulierung der Nullhypothese
- Unterschiedliche Untersuchungseinheiten, Interkulturelle Unterschiede
- Habitualisierung der inhaltlichen Wahrnehmung
- adäquater theoretischer Ansatz

Der Einfluß virtueller, massenmedialer Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt in der Gesellschaft ist ein Thema, daß immer dann auf die Agenda der öffentlichen Meinung gelangt, wenn die Massenmedien selbst durch Berichterstattung über ein Gewaltereignis im Kontext von Massenmedienwirkung das System "Öffentliche Meinung" irritieren. Nicht selten wird dabei unterstellt, der negative Einfluß von Gewaltdarstellungen sei nachgewiesen. Auch in der Fachliteratur läßt so mancher Experte die wissenschaftlich gebotene Zurückhaltung vermissen, wenn er seine Überzeugung zum Forschungsergebnis macht. Dabei ist der Verweis auf die voluminöse Empirie zu diesem Thema obligatorisch, weil die (inzwischen überwältigende) Mehrzahl dieser Untersuchungen einen solchen Effekt nachweise. Verschwiegen wird ebenso obligatorisch, wie problematisch das Paradigma ist und wie differenzierungsfordernd die Ergebnisse sind. Auf diese Probleme will ich in kurzer Form in den folgenden Zeilen hinweisen.

Die Idee bzw. Furcht, daß Massenmedien schädliche Einflüße auf Gesellschaft oder Individuen haben, ist kein Phänomen, daß erst im Zeitalter des Radio oder der audiovisuellen Medien aufgekommen ist. Schon mit der ersten massenhaften Verbreitung von Druckerzeugnissen stellte sich den Machthabern das Problem der Kontrolle. Einen menschlichen "Unruhestifter" als Medium konnte man relativ leicht "unschädlich" machen, Flugschriften oder Bücher dagegen waren wesentlich schwerer zu eliminieren. Das Problem der Medien- und Meinungskontrolle trat später in pluralisierten, demokratischen Gesellschaften zugunsten eines neuen Problems in den Hintergrund: Die Furcht, daß Inhalte von Massenmedien geltende moralische Grenzen versetzen könnten. Dabei war das Problem der Gewaltdarstellungen in den Massenmedien keineswegs zentral, die Jagd auf vermeintlich pornographische Inhalte stand im Mittelpunkt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einhergehend mit einer Liberalisierung der Moral bzw. zunehmender Individualisierung wurden Gewaltdarstellungen intensiver problematisiert. Dies geschah übrigens z.T. mit Ankoppelung an "alte" Probleme ( Pornographie = Gewalt, exzessive Medieninhalte = Gefahr für den Bestand der Gesellschaft ).
Dabei tobte ein heftiger Kampf zwischen Ultra-Liberalen ( Gewaltdarstellungen verhindern Gewalt ) und den Erzkonservativen (Gewaltdarstellungen lösen umgehend reale Gewalt aus). Für differenzierte Positionen dazwischen war wenig Raum, was sich auch auf die entstehenden empirischen Studien auswirkte. Der Rückbezug auf diese Messungen wurde unumgängliches Beweismittel der Plädoyers auf beiden Seiten. Immerhin ein Fortschritt, wenn man bedenkt, daß zuvor mit dem "gesunden Menschenverstand" argumentiert wurde.

Zwischen 5000 und 6000 empirische Studien sollen es inzwischen sein: Der Einfluß massenmedialer Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt ist in den letzten 50 Jahren immer wieder zum sozialen Problem gemacht worden, nicht selten von den Massenmedien selbst. Tausende von Studien und doch: Nach wie vor ist der Effekt massenmedialer Gewalt umstritten. Zwar kommt die Mehrzahl der ernst zu nehmenden Studien zu dem Schluß, daß Gewaltdarstellungen z.B. im Fernsehen, in Comics oder sogar in der Literatur in irgendeiner Form und irgendeiner Intensität reale Gewalt begünstigen, katalysieren oder gar stimulieren, doch sind die Ergebnisse der meisten Empirien aus vielerlei Gründen durchaus selbst problematisch, ihre Interpretation nicht selten überzogen oder purer Interessenzusammenhang. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Mir geht es in dieser kleinen Zusammenfassung nicht darum, Gewaltdarstellungen in den Massenmedien zu verharmlosen oder mögliche Effekte zu negieren. Mein Ziel ist es lediglich, Autoren und Laien in ihrem wissenden Brustton, Gewalt in den Massenmedien erzeuge nachweislich Gewalt in der Realität, zu bremsen. Einen Glauben - im Gegensatz zum Wissen - dieser Art zu formulieren, entspricht nämlich vielmehr dem Stand der - bislang eher unfruchtbaren - Forschung.

Das Thema selbst ist beliebt: Nicht allein schreckliche und leider reale Ereignisse wie z.B. der Amoklauf in Erfurt erregen schnell die Kommunikationsbereitschaft darüber, auch in Schulen, Universitäten und beim Smalltalk steht es in der Themenagenda weit oben. Die Gründe für dieses Phänomen sind vielleicht ähnlich vielschichtig wie das Thema selbst, aber weitgehend weniger problematisch zu erforschen und zu messen. Warum ein Thema z.B. als Schulaufsatz oder Hausarbeit so beliebt ist, ist mit einem gut designten Fragebogen schnell zu erfassen - warum 50 Fernsehmorde pro Stunde die Mordrate steigern sollen, ist dagegen methodisch äußerst schwer valide in Assoziation, geschweige denn in Kausalität zu bringen !

In den Anfangstagen der Medienwirkungsforschung hatte man es leicht: virtueller Inhalt war gleich reales Ergebnis. Man mußte nur die Leichen im Kino, auf dem Fernsehschirm oder im Comicbuch zählen. Je mehr Leichen präsentiert wurden, desto mehr Gewalt wurde dadurch ausgelöst. Die Bezeichnung für diesen Forschungsansatz spricht Bände: Kanonentheorie der Wirkungsforschung. Während eine derartig überzogene Realitätsreduktion in anderen sozialen Forschungsbereichen schon längst der Geschichte angehört, feiert die Kanonentheorie im Bereich Massenmedien - Gewalt immer wieder neuen Geburtstag, ist die Hypothese doch so einfach und entspricht unser aller Befürchtung, daß Medieninhalte bei anderen starke Wirkungen haben... nur bei uns nicht ! Für die Massenmedien selbst und ihre Selektionskriterien ist diese Hypothese aber in der Präsentation zu reizvoll. Sehr treffend hat Niklas Luhmann darauf hingewisen, das der Code der Massenmedien in Information/ Nichtinformation (Rauschen) besteht, nicht in Wahrheit/Unwahrheit ! So macht es sich mancher Autor leicht und findet schnell Gehör: Schließlich ist die Wirkung ja empirisch nachgewiesen. Tatsächlich ist die Vergleichbarkeit, Aktualität und Interpretation aller Studien problematisch.

Es beginnt mit den Definitionen:
Die Definition virtueller Gewaltdarstellungen ist von entscheidendem Einfluß auf die unabhängige Variable einer Empirie. Leider kann man die Studien bezüglich ihrer Definition, was denn nun auf dem Bildschirm oder in einem Computerspiel als Gewalt gilt, nicht gerade als homogen zu bezeichnen. Viele Studien beziehen sich schlicht auf personale Gewalt, andere Empirien betonen die Einseitigkeit dieser Sicht und verweisen z.B. auch auf strukturelle Gewalt. Wieder andere haben jeden "kriminellen", "asozialen" und/oder "sexuell anrüchigen" Akt auf der Liste. Bei der Definition personaler Gewalt sind die Unterschiede ebenfalls erheblich. Ist ein Verkehrsunfall Gewalt ? Ein verbaler Akt ? Ein etwas festeres Schulterklopfen ? Eine sexuelle Belästigung (Ist es eine ?) ? Verübt die Mutter, die ihr Kind nach Hause ruft, einen Gewaltakt (Zwang) ? Je nach Epoche und Kultur definierten die Forscher personale Gewalt abweichend und maßen dabei verschiedene Phänomene. Studien aus den 50iger Jahren sind deswegen z.B. schwerlich mit Studien aus den 80igern zu vergleichen.

Ein ähnliches Problem ergibt sich bei der Zielvariablen. Die Psychologen maßen überwiegend Aggression, die Kommunikationsforscher Gewalt, die Soziologen z.B. Gewaltbereitschaft, die Kriminologen Gewaltdelikte, die Ideologen Kriminalität. Nicht selten überschnitt sich die Definition virtueller Gewalt mit der realer Gewalthandlungen - zwei völlig verschiedene Phänomene ! Definitionsmäßig wurde da - zugespitzt formuliert - der Einfluß von A auf A oder B auf B getestet (...und das nicht einmal zeitlich versetzt)! Am Beispiel der Zielvariablen Aggression (ganz zu schweigen von Kriminalität) kann man deutlich erkennen, daß selbst hier unterschiedliche Phänomene gemessen werden. Was ist Aggression ? Wieder muß man von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mit abweichenden Definitionen leben - bei der Argumentation wird dann die Summe der Empirien, die unterschiedliche Phänomene gemessen haben, zu einem homogenen Ganzen zusammengeschmolzen.

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Einem weiteren methodischen Problem kommt man auf die Spur, wenn man bedenkt, das über Jahrzehnte die Empiriker entschieden haben, was denn nun Gewaltdarstellungen sind. Ob der Rezipient dieses Bild oder jener Filmsequenz auch als Gewaltakt rezipierte, erschien angesichts der vielen Filmleichen oder brutalen Strichmännchen in Comics unwichtig. Erst in den letzten Jahren hat man begonnen, diesem Problem Beachtung zu schenken. Zuvor jedoch (und auch heute ist man erst in den Anfängen) wurden für die Prädiktorvariable womöglich in großem Umfang virtuelle Handlungen operationalisiert, die vom Rezipienten gar nicht (mehr) als Gewaltakte wahrgenommen wurden.

Beliebtestes Massenmedium der Untersuchung war schon immer der Film bzw. das Fernsehen. Seit etwa zwei Jahrzehnten werden auf Platz zwei inzwischen auch Computerspiele unter die Lupe genommen. Wie schon zuvor geschah hier etwas, was ebenfalls die Sicht der Beweislage verfälscht: Untersuchungen des "Gewaltrisikos" des einen Mediums wurden unzulässig auf andere Medien generalisiert. Dabei muß sogar zwischen Fernsehen, Kino, Video- oder Streaming Media im Web dann unterschieden werden, wenn ein und dieselbe Darstellung - womöglich von derselben Filmrolle - präsentiert wird. Immerhin kann man die Sequenz am Computer in "die Schleife legen", beim Video zurückspulen, beim Fernsehen abschalten, während man im Kino vergeblich nach der Zeitlupe ruft. Im Kino wird virtuelle Gewalt in disperser Gesellschaft konsumiert, vor dem Videorekorder z.B. mit der peer-group, die Fernsehgewalt derselben Sequenz womöglich mit der Familie. Ungeachtet dieser Unterschiede werden z.B. in Experimentalstudien die Leute vor einer Leinwand mit Stimuli bombardiert, wenn es doch um Fernsehgewalt geht.

Womit wir zu einem weiteren Problem kommen:
Das Gros der 5000-6000 Empirien waren Experimentaldesigns. Im Experiment werden bekanntlich die Rahmenbedingungen konstant gehalten und der Einfluß möglicher Drittvariablen systematisch ausgeschlossen. Damit sind diese Designs natürlich intern besonders valide. Die Übertragung von Ergebnissen aus dem Experiment auf das Feld der sozialen Realität bzw. Virtualität ist deswegen aber gerade nicht zulässig: Im Feld wirken und interagieren - gerade auf ein komplexes Phänomen wie Gewalt - eine große Anzahl von Variablen, die im Experiment natürlich ausgeschlossen sind. Auch die inhaltliche Übertragbarkeit experimenteller Designs ist oft für das Thema wenig kompatibel. Nicht selten wurden Experimente aus der Aggressionsforschung, bei denen die Stimuli über Filme, Fotos oder Abbildungen an die Versuchspersonen abgegeben wurden, für das Thema Medienwirkungen vereinnahmt. Bekannt ist das Beispiel des Stimulus 'Boxkampf', der im Experiment als mediale Gewaltdarstellung Einfluß auf Aggression hat. Nun ist ein Boxkampf alles andere als repräsentativ für das, was an Gewaltdarstellungen auf die Fernsehschirme kommt.

Aber auch Felduntersuchungen haben zumindest in der Vergangenheit ihre Schwächen gehabt. Natürlich ist die sinnvolle Methode zum Test der Wirkung massenmedialer Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt ein Längsschnitt bzw. die Zeitreihenanalyse. Immerhin muß - selbst nach der Kanonentheorie - zuerst der Stimulus gesendet, publiziert oder rezipiert werden, bevor die Zielvariable gemessen wird. Selbstverständlich schien das aber für die Feldstudien der 50iger und 60ger Jahre nicht gewesen zu sein. Trotzdem wird noch heute so manche Studie - mit diesem methodischen Kardinalfehler behaftet - als Beleg angeführt... für welche Position auch immer.

Der Wirkungsprozeß ist ein außerordentlich komplizierter Vorgang. Obschon man bei Messungen um Vereinfachungen und Komplexitätsreduktionen nicht herum kommt (Die Realität kann man nicht abbilden), werden die Meßmethoden bzw. Statistiken - allemal im mathematischen Bereich - bis weit in die achtziger Jahre dieser Komplexität nicht annähernd gerecht. Erst seit Beginn der neunziger Jahre beginnen die Sozialforscher in größerem Umfang, Längsschnitte auch angemessen statistisch auszuwerten und in anderen Disziplinen übliche Methoden (z.B. ARIMA) heranzuziehen.

Die Feldstudie - welche Zielvariable sie auch untersuchte - muß natürlich als Prädiktoren für Aggression, Gewalt oder Gewaltbereitschaft neben den Gewaltdarstellungen auch andere Variablen berücksichtigen. Hier haben sich in der Forschung über 50 Jahre immer wieder neue Erkenntnisse bezüglich der Ursache für Gewalt gefunden, neue Prädiktoren eröffnet. Ein Beispiel: Zur Gewalt zählt bekanntlich auch die Autoaggression bzw. der Suizid(versuch). Gerade in der Suizidforschung ist die Entwicklung in den letzten 20 Jahren bemerkenswert vorangeschritten. Ältere Längsschnittuntersuchungen zum hier behandelten Thema, die auch Suizid als massenmedial beeinflußt verstanden, konnten von diesen Erkenntnissen natürlich nicht profitieren. Da sie aber nach heutigem Verständnis entscheidende Prädiktoren nicht testeten, sind ihre Ergebnisse nur noch von historischem Wert.

Das Problem des Wustes an potentiellen Prädiktoren für reale Gewalt ist ein ganz eigener Problembereich, der sich zur Problematik der Wirkungsforschung eigentlich nicht nur schlicht addiert. Jede fehlende Variable kann ja das Ergebnis exponentiell verändern. Auf der anderen Seite sind gegenüber den übermächtigen unabhängigen Variablen, die aus der sozialen Realität stammen, die Koeffizienten für den Prädiktor virtuelle Gewaltdarstellungen ohnehin schwach. Dies wird von Katharsis-Anhängern und Anhängern einer "harmlosen Mediengewalt" gelegentlich so interpretiert, daß der Einfluß schließlich auch schwach sei (Was durchaus eine grundsätzliche Fehlinterpretation sein kann). Dabei verfallen sie nicht selten in den Fehler ihrer "Gegner", die statistische Koeffizienten der Assoziation als kausal interpretieren. Nun ist aber ein Assoziationkoeffizient "nur" eine Maßzahl, die - wie die Bezeichnung schon sagt -, eine Assoziation mißt, keine... Kausalität ! Solange die Ursachen für Gewalt nicht vollkommen klar sind - und das werden sie wohl nie - ist das Meßmodell offen für verborgene Variablen, die moderieren, intervenieren, katalysieren können. Die Schwäche der Erforschung des Gewaltphänomens ist - salopp gesagt - die doppelte Schwäche der Medienwirkungsforschung zu diesem Thema. Es ist dies sicherlich kein Vorwurf an die Forscher - aber es ist die größte Schwäche des Paradigmas und die muß man, wenn man Stellung nimmt, deutlich und explizit nennen. Von wegen, es sei deutlich nachgewiesen, daß Gewaltdarstellungen reale Gewalt verursachen !

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England 1789 : Ein Freibeuter und ein Betrüger tauschen die Identität. Einer der Männer verbirgt einen Schatz, der andere ein dunkles Geheimnis. Während für den einen am Ende der Galgen steht, findet sich der andere bei seiner Deportation nach Australien inmitten der Schiffskatastrophe der GUARDIAN wieder, kämpft mit Kapitän James Riou ums Überleben, muß einen Schatz verteidigen und seinen Ausbruch planen.

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Auf zwei grundsätzliche Denkfehler bzw. Versäumnisse soll noch hingewiesen werden : Legionen von Untersuchungen sind gemacht worden, die in ihrem Methodendesign eine einseitige Wirkung voraussetzen und lediglich den stimulierenden Einfluß von Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt getestet haben. Offensichtlich ist die Attraktion dieser Hypothese so stark, daß sie 1. in keiner mir bekannten Untersuchung jemals als Nullhypothese getestet wurde und 2. niemals der Einfluß realer Gewalt in einer Gesellschaft auf Gewaltdarstellungen in den Massenmedien berücksichtigt wurde ! Ersteres würde vielleicht einen besonders explorativen Wert haben, Zweiteres ist m.E. unverzichtbarer Bestandteil einer vollständigen Studie (im Längsschnitt , versteht sich)

Wenn denn Medienmacher - und das tun sie - Wirkungen (z.B. klingende Kassen...) bei den Rezipienten antizipieren, beeinflußt dies nicht allein Berichterstattung und Dokumentation, sondern auch das eskapistische Segment der Medieninhalte ( z.B. Unterhaltung und Fiktion). Die Gewaltkultur einer Gesellschaft ist damit entscheidend und prägend sowohl für Berichterstattung als auch für Fiktion und hat deswegen vermutlich gewichtigen Einfluß auf Inhalte. In einem der Mutterländer der Medienwirkungsforschung z.B., den USA, ist nicht nur die "berichtete Realität" von Gewalt durchdrungen: Gewalt ist in vielen Bundesstaaten der USA eines der brennendsten sozialen Probleme, die Reaktion auf Gewalt ist in manchen dieser Bundesstaaten explizite Gewalt. An der Spitze der Sanktionen des Rechtssystems vieler Bundesstaaten steht z.B. mit der Todesstrafe die härteste Gewaltstrafe. Warum ist dann eigentlich der Gedanke so fremd, daß die gesellschaftliche Realität starken Einfluß auf die Frequenz und Intensität der Gewaltdarstellungen in den Massenmedien hat ? Ich kenne jedoch keine Studie des Paradigmas, die sich mit dieser Hypothese auseinandergesetzt hat.

Nach dieser skizzenhaften Aufzählung methodischer Probleme ist die Vergleichbarkeit der imponierenden Zahl von 5000 oder 6000 Studien zum Thema bereits deutlich partikularisiert, die Validität, Reliabilität und/oder Aktualität vieler Studien deutlich in Frage gestellt.
Einen weiteren Schnitt muß man bei der Auswahl der Untersuchungseinheiten oder Versuchspersonen machen. Es ist zu erwarten, daß Gewaltdarstellungen auf Erwachsene grundsätzlich anders wirken als auf Heranwachsende, auf Jugendliche anders als auf Kinder. Und man muß vermuten, daß weibliche Medienkonsumenten entweder unempfindlicher gegenüber virtuellen Gewaltdarstellungen sind oder aber einfach friedlichere Exemplare des homo sapiens sind. Wenn über den "nachgewiesenen" Einfluß von medialer Gewalt berichtet wird, meinen die Autoren in der Regel männliche Rezipienten, was aber ebenso in der Regel nicht mehr betont wird ( Ist es so selbstverständlich ? ). Würden sie weibliche Konsumentinnen einschließen in dieses Urteil, würde es so ausfallen ? ( Inzwischen verzeichnet das "schöne" Geschlecht ebenfalls eine Zunahme im Bereich der Gewaltkriminalität. Hat sich jedoch ihr Medienkonsum unabhängig von ihren männlichen "Kollegen" signifikant verändert ? Ich vermute: Nein ! ).
Die Empirien unterscheiden sich also auch nach ihren Zielgruppen: Bevorzugte Zielgruppen sind inzwischen Heranwachsende, Jugendliche und Kinder (mit der besonderen Aufmerksamkeit auf das männliche Geschlecht), weil die Auffassung vorherrscht, das Erwachsene umempfindlicher gegen Medienwirkungen sind und damit aus Forschungssicht wesentlich unfruchtbarer. Aber selbst bei einer expliziten Zielgruppe, z.B. Jugendliche, ist der Vergleich dann problematisch, wenn verschiedene Medienkulturen unterschieden werden müßen. Je nach Medienkultur sitzen Jugendliche unterschiedlich lange vor dem Fernseher, haben unterschiedliche "Gewalterfahrung" (wg. der Verweildauer), ggf. sogar unterschiedliche Begriffe von Gewalt (Beispiel: Japan in den 80iger Jahren und heute). Eine amerikanische Studie ist nur mit Einschränkung auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, eine Studie aus Japan wiederum ist für amerikanische Verhältnisse wenig geeignet. Die interkulturellen Unterschiede verschwinden zwar im Laufe der Zeit - so meine ich zu beobachten - aber dies gilt nicht für ältere Studien. Ein Mord in einer Fernsehserie ist von einem Jugendlichen der sechziger Jahre anders rezipiert worden als dieser von einem serienerfahrener Jugendlicher des 3. Jahrtausends verarbeitet wird. Für Wirkung im allgemeinen ist jedoch der Überraschungseffekt ungemein einprägsam: Ein "Kill" in einer Fernsehserie der achtiger Jahre ist für einen Rezipienten der heutigen Fernsehgeneration sozusagen Folklore, ohne das man deswegen gleich von Habitualisierung sprechen kann. Der Gewaltakt kann zu einer (lästigen) Routine (s.u.) werden , die als handlungsstrukturierend, aber nicht als Gewaltakt wahrgenommen wird. Der Gewaltakt wird eher en passant registriert, nicht selten ist der Rezipient so routinisiert, das er diese Akte voraussagen kann. Tatsächlich kann vermutlich so mancher Jugendliche z.B. die Serien-Drehbücher der achtziger Jahre selbst schreiben ! Ich bitte dies nicht als verharmlosend zu interpretieren, aber die Jugendlichen wissen heute z.B. mehr über die Produktion von Filmen. Dadurch ensteht schlicht eine größere Distanz zum Inhalt. Wirkung - nicht allein auf Gewaltbereitschaft oder Aggression - erscheint mir am stärksten, wenn die Handlung überraschend ist, die Akte nicht voraussagbar sind, die Distanz sich bis hin zum Verlust Letzterer verkürzt wird.

Inzwischen sind die imponierenden 5000 bis 6000 Empirien in ihrer methodischen Vergleichbarkeit und somit ihrer Aussage so ziemlich zusammengeschrumpft, aber nun kommt ein weiterer Selektor: Die Theorie der Wirkung, die als Basis der Empirie gewählt wurde. Von der Kanonentheorie wurde ja bereits berichtet. Dieser im Kern behavioristische Ansatz stößt empirisch natürlich lediglich auf einige der oben genannten Probleme, weil er von den Rezipienten als unproblematischen Black Boxes ausgeht: Der Input eines bestimmten Stimulus erzeugte einen voraussagbaren Output. Die unrealistische, inhaltliche Fixierung auf das Massenmedium wurde im inzwischen verworfenen Two-Step-Flow bereits aufgehoben: Meinungsführer brachten die Stimuli in die soziale Realität und manipulierten ihre Epigonen. Erst im rezipientenzentrierten Uses- and - gratification- Ansatz richtete die Medienwirkungsforschung ihr Interesse auf die Medienkonsumenten selbst, nach bekanntem Muster jedoch einseitig. Immerhin realisierte diese Strömung ein Wahlverhalten der Konsumenten. Der Leser oder Fernsehzuschauer wählt gezielt das aus, was er sieht, hört oder liest. Das Erfolgsmodell des Paradigmas sind die sozialen Lerntheorien, insbesondere der Ansatz von A. Bandura. Hier wurden Inhalte zu Modellen, die - transformiert oder imitiert - von den Rezipienten gelernt (gespeichert und variiert) wurden. Die Betonung liegt in diesen Modellen auf kognitiven Eigenschaften der Individuen - Emotionen bleiben aber weitgehend ausgeblendet. Jedoch wird ja gerade eskapistischen Inhalten besonders stimulierende Wirkung nachgesagt. Die Psychoanalyse ist ein Sonderfall der Forschung: Letztlich ebenfalls inhaltlich auf die Darstellungen zentriert ("moderne" Kanonentheorie) zeichnet, nein, postuliert dieser Theorienkomplex ein Bild von emotionalen, in der Frühzeit ihrer Theorienbildung rein sexuellen Motivationen der Rezipienten. Weil das ganze Theorienmodell der Psychoanalyse jedoch eine ihre Hypothesen und damit sich selbst immunisierende Konzeption ist, gibt es hier kaum Empirie - weder eine Überprüfung der grundlegenden Konstruktionsteile noch Messungen bezogen auf Gewalt durch Massenmedien. Erneut müßen wir in einer gedachten Tabelle mit bereits vielen Spalten und Zeilen die Empirien nach grundsätzlich verschiedenen Ansätzen aufteilen - angesichts des Wustes an Messungen eine Arbeit, die bislang noch niemand geleistet hat. Sicher aber erscheint mir, daß die Anzahl der Messungen, die vergleichbar sind, auf eine geringe Anzahl geschmolzen ist.

Der Prozeß der Medienwirkungen ist ein zirkulärer Mechanismus (auf makroskopischer Ebene). Aus diesem Grunde gibt es natürlich keinen wirklichen Startpunkt. Den wähle ich jetzt einfach: Medienwirkungen beginnen dort, wo man sie nicht zuerst vermuten würde... nämlich bevor die zu wirkenden Inhalte überhaupt publiziert werden. Die Medienmacher antizipieren Bedürfnisse der Konsumenten, beabsichtigen bestimmte Medienwirkungen und wählen, strukturieren und formen danach die Inhalte. Die Konsumenten von Medieninhalten wählen diese auch aus ; d.h. aber auch, daß Prädispositionen der Rezipienten den Konsum oder auch die Perzeption bestimmter Inhalte wahrscheinlicher, den anderer Inhalte unwahrscheinlicher macht. Bestimmte Merkmalsgruppen werden bestimmte Inhalte kaum wählen, rezipieren und / oder perzipieren. Die Rezeption der Medieninhalte ist zwar zunächst ein schlichter und einseitiger Signal- und Symboltransfer. Erst der individuelle Rezipient macht daraus dann aber einen Informationstransfer, da dessen individueller Filter die Signale in Information und Rauschen teilt. Information wird sowohl kognitiv wie auch emotional verarbeitet - beide Zugriffe sind transaktional miteinander verbunden ! Der Zugriff auf diese Transaktion ist meines Wissens bis heute noch nicht in einer Empirie erfolgt.

Soll ein Theorieaufbau also realistisch das Wirkungsgeschehen wiedergeben, muß sich der Ansatz quer durch die Disziplinen bewegen. Natürlich müßen die Gewaltdarstellungen berücksichtigt werden, aber ihre Auswahl muß auf Basis der Rezipientenwahrnehmung (besser noch: durch die Rezipienten) geschehen. Die Medienmacher müßen berücksichtigt werden: Nach welchen Kriterien wählen sie die Inhalte aus, wann kommen Gewaltdarstellungen zum Einsatz. Die Aggressionsforschung muß auf ihrem letzten Stand berücksichtigt werden, nicht zuletzt machen die Phänomene der Wahrnehmung, des Erkennens und der Informationsverarbeitung Rückgriffe auf andere Disziplinen bis hin zu Hirnforschung notwendig. Aus letzterem Gebiet kommen gerade in den letzten Jahren bedeutsame Hinweise (z.B. Das Signal selbst ist neutral, seine Verarbeitung entscheidet über Bedeutung und Informationswert. Oder: Einfluß von Hormonen auf Aggression). Insgesamt wäre die Durchführung einer den o.g. Forderungen entsprechenden Empirie ein ungemein aufwendiges, über mehrere Jahre laufendes und praktisch schwieriges Mammutprojekt. Sicherlich würden die meisten Forscher liebend gern ein solches Projekt durchführen... doch die Kosten für Planung und Durchführung wären für ein sozialwissenschaftliches Projekt dermaßen gewaltig, daß wir in absehbarer Zeit vergeblich darauf warten.

Zusammengefaßt : Der Einfluß virtueller Gewaltdarstellungen auf reale Gewalt bewegt sich theoretisch durch viele, miteinander verflochtene Phänomene, die in sich selbst z.T. noch mit methodischen Problemen arbeiten müßen. Die Aussagekraft von Empirien muß vor diesem Hintergrund begriffen werden und entsprechend differenziert werden. Die Medienwirkungsforschung ist methodisch den Kinderschuhen noch lange nicht entwachsen. Vielleicht zum Trost: Kindermund tut (manchmal) Wahrheit kund.

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