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Das kognitiv-soziale Persönlichkeitsmodell von Walter MISCHEL

(Script 1994)

MISCHEL steht theoretisch seinen Kollegen BANDURA und ROTTER nahe. Alle drei sind Vertreter einer Richtung, die unter dem Terminus soziale Lerntheorien subsummiert werden. Diese Theorien haben behavioristische Quellen, aber einen starken kognitions-psychologischen Einschlag. MISCHEL teilt mit seinen Kollegen die grundsätzlich dialektisch-transaktionale Sicht des Person-Umwelt-Bezuges. In diesem Sinne gehört seine Konzeption auch zu den dialektischen Ansätzen. MISCHEL sieht seinen Ansatz als eine Synthese zwischen verhaltensorientierten und kognitiv-phänomenologischen Auffassungen. Im Methodenbereich fühlt er sich aber nach wie vor der objektiven Beobachtung im Gegensatz zu introspektiven Methoden verpflichtet. MISCHEL geht von einer weitgehenden Stabilität und Konsistenz menschlicher Verhaltensweisen aus und sieht die Person als aktiv-konstruktivistischen Akteur an. Aus diesem Grunde hat er sich besonders (und empirisch) mit dem Konsistenzparadox beschäftigt. Ein zweites dominantes Forschungsthema war für in der Belohnungsaufschub , wie weiter unten noch besprochen wird.
MISCHEL benennt zur Erfassung der Persönlichkeit 5 zentrale Variablenkomplexe:
- Kognitive und behaviorale Konstruktionskompetenzen
- Kodierungsstrategien und persönliche Konstrukte
- Verhaltens-Ergebnis- und Reiz-Ergebnis-Erwartungen
- Subjektive Reizwerte
- Selbst-regulative Systeme und Pläne (Selbstkontrolle)

- MISCHEL meint, daß Personen mittels direkten oder Beobachtungslernens Informationen auf für sie typische Weise verarbeiten, d.h. es existiert eine spezifische individuelle Selektivität und Organisation der Informationen. Diese spezifischen Unterschiede deuten auf individuelle Variationen in der Kompetenz,d.h. der kognitiven und behavioralen Bereitschaften, die eine Aussage über die Fähigkeiten der Person haben. Zur kognitiven Kompetenz gehören z.B. Intelligenz und Kreativität, während die behavioralen Kompetenzen mehr über Geschicklichkeit, Präzision und Ausdauer erworbener Fertigkeiten aussagen. Diese Kompetenzen werden von der Person aktiv konstruiert, indem personenintern Informationen zusammengefügt werden. MISCHEL nimmt an, daß diese Kompetenzen relativ stabil sind, woraus sich der Eindruck der Konsistenz der Persönlichkeit ergibt. Mischel konnte die Stabilität von Leistungen empirisch nachweisen. (1968) Da Kompetenzen sozial positiv bewertet werden, haben sie starke Rückwirkungen auf das Selbstwerterleben von Personen.
- Diese Klasse von Person-Variablen bezieht sich auf die Art und Weise , wie eine Person Informationen aus der Umwelt aufnimmt, sie kognitiv transformiert und in bestehende Informationscluster einordnet. Dabei wird deutlich, daß Personen unter objektiv gleichen äußeren Bedingungen Informationen verschieden verarbeiten. Drei Aspekte nennt MISCHEL:
1. Selektive Beachtung von Situationen, was bedeutet, daß die Wahrnehmungsselektivität der Personen in gleichen Situationen verschieden ist.
2. Kodierung von Hinweisreizen externer oder interner Art: Welche Attribute eine Person einer Information gibt (z.B. gut-schlecht) hängt von der Kodierungsstrategie der intern ablaufenden kognitiven Transformationsprozesse ab. Z.B. können unereichbar qualifierte Ziele in ihrer Bedeutung angewertet werden oder angenehme Erinnerungen werden bei unangenehmen Ereignissen ins Gedächtnis gerufen, um sich abzulenken. (Mehr dazu beim Konstrukt des Belohnngsaufschubs)
3. Die persönliche Konstrukte einer Person sind subjektive Deutungsmuster zur Kategorisierung und Komprimierung ansonsten unüberschaubarer Informationen. Z.B. insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich kommen diese Konstrukte zum Tragen: Z.B. "konstruiert" man einen Menschen a priori als sympathisch. Das kann sich im Rahmen einer self-fullfilling prophecy sogar verfestigen. Diese persönlichen Konstrukte sichern die Konsistenz und Stabilität der Person. Im Konsistenzparadox wird allerdings hier die Diskrepanz zwischen den persönlichen Konstrukten und dem tatsächlichen Verhalten der Person bzw. ihrer tatsächlichen Konsistenz als problematisch beschrieben.
- Die beiden ersten Variablenkomplexe beschäftigten sich mit der Kompetenz der Personen. Nun wendet er sich den tatsächlichen Determinanten für das Verhalten in spezifischen Situationen zu. Zentral ist hier das Erwartungskonstrukt : Personen haben eigene Erwartungen (Hypothesen) darüber, was für Konsequenzen oder Ergebnisse ein bestimmtes Verhalten oder ein bestimmter Reiz auslösen. Ein Typ dieser Erwartungen ist die Verhaltens-Ergebnis-Erwartung (Bei ROTTER 'spezifische Erwartung'). Dabei handelt es sich aber um eine subjektive Verhaltenserwartung im Gegensatz zu objektiven Verahaltens-Ergebnis-Kontingenzen. Ein anderer Typ ist die Reiz-Ergebnis-Erwartung , die sich auf Lernvorgänge bezieht, bei denen das Individuum lernt, daß bestimmte Reize bestimmte andere Ergebnisse voraussagen. Wichtig bei beiden Typen ist, daß die attribuierte Intention z.B. einer Person entscheidend die Wirkung dieser Erwartungen moderiert (z.B. kann ein Lächeln als höhnisch oder freundlich attribuiert werden.
- Die Kategorie der subjektiven Reizwerte entspricht weitesgehend ROTTERs Kategorie des Verstärkungs- oder Bedürfniswertes: Reize erwerben die Fähigkeit, bei Personen positive oder negative Emotionen zu erzeugen und auf diese Weise als Verstärker zu wirken. Bei der Diagnose dieser Werte sind komplexe Faktoren - Situationspezifität, soziokulturele Position, Lebenszyklus - zu beachten.
- Diese Kategorie umschließt die prinzipielle Fähigkeiten der Personen, wenigsens teilweise Bedingungen und Konsequenzen ihres Verhaltens selbst zu beeinflußen ( Selbstkontrolltechniken ), also die kognitive Kontrolle von Situationen bzw. Selbstkontrolle. Das Individuum kann teilweise seine Umwelt so arrangieren, daß es sein Verhalten durch Antizipation selbst programmiert.Dieser Prozeß der Selbstkontrolle enthält Teilprozesse, die MISCHEL im folgenden benennt:
- Regeln, die Ziele und Leistungsstandards situationsabhängig spezifizieren
- Konsequenzen des Erreichen und Verfehlens o.g. Kriterien
- Selbst-Instruktionen und kognitive Reiztransformationen zur Ermöglichung der für die Zielerreichung nötigen Selbstkontrolle
- Organisationsregeln für die Abfolge oder Beendigung komplexer Verhaltensmuster
Diese Konstrukt ist vor allem wichtig für die Verfolgung längerfristiger Ziele, um nicht jeweils dem ersten besten Reiz zu erliegen ( Das erinnert an FREUDs Lust- und Realitätsprinzip ). Diese Verfolgung längerfristiger Ziele, unter Umständen unter Verzicht auf eine fast sichere Belohnung, um eine andere zeitlich entferntere anzusteuern, kennzeichnet das Phänomen des Belohnungsaufschubs :
Dieser Verzicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ist ein wesentlicher Aspekt des Sozialisationsvorganges. Warten und warten können sind hier die zentralen Begriffe. Für MISCHEL sind unangemessene Aufschubmuster Teilursachen für deviantes Verhalten. Die FRage ist nun, welche kognitiven Prozesse hemmend oder fördernd auf den Aufschub wirken. Hier hat MISCHEL ausgiebige empirische Ergebnisse erzielt. Auffallend war z.B. für Mischel, daß es zwischen Wahlintention und dem tatsächlichen Verhalten zwar einen statistischen Zusammenhang, allerdings keine perfekte Korrelation gibt. Im folgenden hat MISCHEL folgende Frage beleuchtet:
Welche Konsequenzen hat eine Fokussierung auf die Belohnung im Falle eines selbstgewählten Aufschubs ? Hier beobachtet MISCHEL, daß das Warten um so schwieriger wurde, umso mehr und desto substantieller die Belohnung in der Aufmerksamkeit der Person war. Personen entwickleten Techniken der kognitiven Selbstablenkung. Offensichtlich können Reize zudem einerseits eine motivationale und eine informative Funktion haben: In Anwesenheit der tatsächlichen Belohnung war die motivationale Funktion hemmend für das Warteverhalten, im Falle der symbolischen Darstellung überwog offensichtlich die informative Funktion. Offensichtlich entscheidet aber die kognitive Transformation der Person, wie groß Hemmung oder Förderung des Belohnungsaufschubs ist.
Die Beobachtung, daß im Schnitt nur eine mittelmäßig starke Beziehung zwischen Eigenschaftsausprägungen und konkreten Verhaltensweisen nachzuweisen ist, wird als Phänomen das Konsistenparadox genannt. Für MISCHEL ist die Auflösung dieses Problems natürlich wichtig, da er ja von einer ziemlich hohen Stabilität und Konsistenz des Individuums ausgeht.
MISCHEL charakterisiert es so: "Konsistenz-Paradox...beruht auf der Beobachtung, daß entgegen unserer Intuition, wonach eine substantielle Verhaltenskonsistenz augenfällig ist, ...Forschungsanstrengungen zur Untersuchung situationsübergreifender Konsistenz nahelegen, daß das Verhalten wesentlich stärker variiert..
Hier muß scharf zwischen der zeitlichen Stabilität bestimmter indikatorischer Verhaltensweisen und der situationsübergreifenden Konsistenz (interindividuelle Konsistenz) dieser Verhaltensweisen getrennt werden. Das Verhalten in mehreren verschiedenen Situationen längsschnittartig zu untrsuchen, würde die intraindividuelle Konsistenz testen. Auch macht es einen Unterschied, ob sich die Ergebnisse auf Selbst- oder Fremdberichte stützen. Bei allen empirischen Vrsuchen blieb letztendlich die Frage offen, wie man erklären kann, daß Personen, die sich selbst eine hohe situationsübergreifende Konsistenz zuschreiben, in ihrem faktischen Verhalten diese Konsistenz nicht aufweisen. MISCHEL meint, daß die Leute sogenannte Prototypen konstruieren, d.h. sie schreiben einem Indikator (z.B. regelmäßig Bett machen für das Item Ordnung) eine prototypische Relevanz für das Item zu. Man habe wahrscheinlich immer mit den falschen Daten nach Konsistenz gesucht.

Kritik

- MISCHELs 5-Variablen- Modell ist keine eigentliche Persönlichkeitstheorie, sondern eher eine Zusammenstellung von theoretischen Konstrukten. Wie diese Konstrukte zusammenhängen und verknüpft sind, wird von Mischel nicht explizit erklärt
- Innerhalb der Person-Variablen vermisst man eine inhaltliche Strukturierung, das Konstukt erscheint inhaltsleer, weil prozeß- statt strukturorientiert
- Der Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung auf längere Zeitdistanz ist vernachlässigt, zumal MISCHELs Vorliebe für Experimentformen der empirischen Überprüfung die ökologische (externe) Validität nicht geben.
- Eine Dimension einer gesellschaftlichen Reflexion des Ansatzes wird vermißt, es fehlt MISCHEL die Einbettung seiner Konzeption in eine explizite Anthropologie.


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