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Rotters soziale Lerntheorie

(Script 1994)

Die soziale Lerntheorie Julian ROTTERS gehört zu der Gruppe von Persönlichkeitstheorien, die an einem dialektischen Modell des Menschen orientiert sind, d.h. grundsätzlich werden sowohl die Aktivität des menschlichen Organismus als auch die Einflüße determinierender Einflüße der Umwelt vorausgesetzt. Die Umwelt verändert das Individuum und das Individuum in der Interaktion mit dem Umfeld wiederum die Umwelt.
Die Klassifikation in mechanistische , organistische und dialektische Grundannahmen über ein Modell des Menschen hat allerdings eine heuristische Natur: So zeigt der Vergleich mit einer anderen dialektischen Persönlichkeitstheorie z.B. von Fromm , daß es sich bei einer solchen Klassifikation allenfalls um eine Akzentuierung eines Modells handelt.

Zusammen mit der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert BANDURA und dem kognitiv-sozialen Persönlichkeitsmodell Walter MISCHELS, allesamt soziale Lerntheorien, könnte man eher von einem transaktionalen Ansatz sprechen, wobei allerdings nicht historische und sozio-kulturelle Aspekte analysiert werden.
(Transaktionskonzept: Organismus und Umwelt beeinflußen sich wechselseitig als Teil eines totalen transaktionalen Feldes. Kein Teil des Systems ist unabhängig außerhalb der anderen Teile des Systems oder des Systems als Ganzem. Zwischen den Teilen des Systems besteht Reziprozität, es gibt keine Ursache Wirkung-Relation, die Wirkung eines beliebigen Teils des Systems hat Konsequenzen für andere Teile.)

ROTTERS Theorie ist eine Synthese von lern- , gestalt- und feldtheoretischen (kognitiven ) Ansätzen, wobei aber immer noch eine lerntheoretische Orientierung dominiert. Der Ansatz wird in die Gruppe der Erwartungs-Wert-Theorien eingeordnet.
ROTTERS Theorie ist eine differential-psychologische Handlungstheorie, da Verhalten als zielbezogen und kontextgebunden beschrieben wird. ROTTER nimmt eine konstruktivistische Position ein: Es kann keine allgemeingültige Persönlichkeitsdefinition geben, das Konstrukt kann allenfalls präzisiert werden.

Die Theorie stützt sich auf 7 Basisannahmen:

1. Die Untersuchungseinheit für das Studium der Persönlichkeit ist die Interaktion des Individuums mit seiner bedeutungshaltigen Umwelt. d.h.
- Merkmale der Personen können nicht ohne Bezug auf die Umwelt gesehen werden
- Umweltmerkmale müßen als von den betroffenen Personen wahrgenommene und interpretierte Phänomene begriffen werden
- Es besteht eine Wechselwirkung zwischen den Merkmalen von Personen und Umwelt, die sich transaktional gegenseitig beeinflußen.
2. Rotters Annahmen sind antireduktionistisch zu Konstrukten anderer Disziplinen
3. Er wendet sich gegen eine dualistische Weltsicht: Die Beschreibungen der Persönlichkeit durch verschiedene (z.B. neurologisch od. physikalisch) Konstrukte mögen unterschiedlich sein, die Einheit der Person als Ausgangspunkt der Beschreibung ist manifest.
4. Nicht jedes Verhalten eines Organismus kann nützlich durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben werden, menschliche Individuen z.B. müßen zuerst ein gewisses kognitives Entwicklungsniveau aufweisen. (Selbstkontrolle b. e. Amöbe)
5. Die Persönlichkeit stellt eine Einheit dar. Einheit ist die zunehmende Stabilität und Allgemeinheit des Verhaltens im Lebenslauf einer Person
6. Verhalten hat einen Richtungsaspekt, ist zielgerichtet. Der Richtungsaspekt wird erschlossen aus dem Effekt von Verstärkungsbedingungen
7. Hier bezieht Rotter mit dem Erwartungskonstrukt: eine starke kognitive Komponente in seine Theorie mit ein: Das Auftreten des Verhaltens einer Person wird nicht nur durch die Art und Bedeutung von Zielen und Verstärkern, sondern auch durch die Antizipation (Erwartung) , daß diese Ziele eintreffen, bestimmt. Verhalten wird also auch auf Basis erfahrungsbedingter Erwartungshaltungen bestimmt.

ROTTER formuliert seine Theorie auf zwei dimensional unterschiedlichen Abstraktionsebenen ,der molekularen (konkrete Verhaltensweisen der Person) und der molaren (Komplexe von Verhaltensmustern) Ebene. Auf der molekularen Ebene gibt es bei ROTTER vier zentrale theoretische Konstrukte:

1 Verhaltenspotential
Es ist wichtig, an dieser Stelle zu erwähnen, daß Rotter unter Verhalten nicht allein beobachtbare motorische Aktivität, sondern auch intrauterine Vorgänge wie Gedanken oder Gefühle versteht und daß das o.g. Konstrukt bereits auf die folgenden drei verweist. Unter Verhaltenspotential versteht er die Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation im Zusammenhang mit einer bestimmte Verstärkung auftritt.

2 Erwartung
wird definiert als die vom Individuum subjektiv vermutete Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation zu einer bestimmten Verstärkung führt. Erwartungen können spezifisch oder generell sein. (Man ist speziell oder ganz allgemein von etwas überzeugt).

3 Verstärkungswert von Ereignissen
ist hier definiert als der Grad der Präferenz für eine von mehreren Verstärkungen mit der gleichen Auftretenswahrscheinlichkeit. Die subjektive Bewertung von Ereignissen führt zu einer Art innerer Präferenzskala. Deswegen ist hier stets die Relation der subjektiven Bewertung mit dem Verstärker zu beachten. Ein negativer Verstärker in der Liebe z.B. wird von einer auf den Beruf fixierten Person nicht so negativ erlebt wie von einem beziehungsbetonten Menschen. Verstärkungen sind auch immer im System zu betrachten, da sie z.B. als Folgeverstärkungen aufeinander aufbauen.

4 Psychologische Situation
Dies verweist besonders auf ROTTERs erste Basisannahmen: Unter einer "bedeutungshaltigen Umwelt" versteht ROTTER den erworbenen Bedeutungsgehalt oder Sinn, den die Umwelt für das Individuum hat. Die psychologische Situation ist ein komplexes Muster von untereinander reziproken (sich gegenseitig beeinflußenden) Hinweisreizen, die auf ein Individuum in einer zeitlichen Sequenz einwirken. Diese Situation ist nicht personenunabhängig zu erfassen, sondern ist integraler Bestandteil der Persönlichkeit. Je nach dem wie Personen Situationen interpretieren, bestimmen sie ihr Verhalten (und verändern wiederum die Umwelt).

Die vier Grundkonstrukte werden nun folgendermaßen in Beziehung gesetzt:

Das Potential, daß das Verhalten X in der Situation S mit Aussicht auf die Verstärkung V auftritt, ist eine Funktion der Erwartung, daß die Verstärkung V dem Verhalten X in der Situation S auch wirklich folgt und eine Funktion des Wertes, den die Verstärkung V in der Situation S hat.

Nun beschränkt sich diese Definition auf die Auftrittswahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens in einer bestimmten Situation unter einer bestimmten Verstärkerbedingung . Es gibt aber Komplexe von Verhaltensweisen, die sinnvoll nur dargestellt werden können, wenn man sie als eine einheitliche Handlungstendenz betrachtet bzw. sie auf einen Nenner, eine Bedürfnis (z.B. Agressionsbedürfnis) bezieht. Auf der molaren Ebene wird dann von einem Bedürfnispotential (oder synonym Zielpotential ) gesprochen. Die Wertigkeit des Bedürfnisses oder Zieles (seine Stärke) ist dann der Bedürfniswert und die Gruppe funktional untereinander verbundener Erwartungen entspricht der Bewegungsfreiheit (Niedrige Bewegungsfreiheit in einem speziellen Berreich entspricht somit mangelnder Erreichbarkeit der Ziele)
Erwartungen können spezifisch oder generalisiert sein , also konkret und kompetent oder übertragen und sind natürlich erlernt. Fehlende spezifische Erwartungen führen zu einer Anwendung genereller Erwartungen.

Kurz: Die Befriedigbarkeit von Bedürfnissen ist identisch mit dem Konstrukt Bewegungsfreiheit, die Stärke von Bedürfnissen mit dem Bedürfniswert.

ROTTER hat nun versucht, in Bedürfnisklassen zu unterteilen und sie zu klassifizieren:

1. Anerkennung und Status -Bedürfnis nach Geltung

2. Dominanz -Bedürfnis, Handlungen anderer zu kontrollieren

3. Unabhängigkeit -Bedürfnis , selbst zu entscheiden, sich selbst zu kontrollieren

4. Schutz und Abhängigkeit -Vermeidung von Frustration und Erlangung von Sicherheit

5. Zuneigung und Liebe -Bedürfnis, akzeptiert und gemocht zu werden

6. Physisches Wohlbefinden -Bedürfnis nach Befriedigung, Vermeidung von Schmerz

Diese Bedürfnispotentiale sind erlernt.

Neben den generalisierten Verhaltens-Verstärker-Erwartungen unterscheidet ROTTER noch eine zweite Klasse generalisierter Erwartungen, die problemlösenden generalisierten Erwartungen .

Sie ermöglichen eine Ziel zu erreichen, wenn das Verhalten, daß ansonsten zum Ziel führt, blockiert ist. Auch sie sind aufgrund von Erfahrungen erlernt. ROTTER präzisiert dieses wichtige Konstrukt seiner Theorie in drei verschiedenen Spielarten generalisierter problemlösender Erwartungen:

Die Suche nach alternativen Lösungswegen ,
interne versus externe Kontrollüberzeugung und
zwischenmenschliches Vertrauen.

Alternative Lösungsmöglichkeiten sind aktives Vorgehen der Personen zur Verfolgung blockierter Ziele. Kompetenz, die ja auch die Bewegungsfreiheit der Personen erhöht und Persistenz (Nachhaltigkeit) verbessern dabei die Zielverwirklichung.

Das zweite Konstrukt - mittlerweile fast bekannter als ROTTERs Theorie selbst - bezieht sich auf die subjektive Wahrnehmung der Person, ob sie selbst Verursacher verhaltensabhängiger Verstärker ist (internale Kontrolle der Verstärkung) oder ob sie die Folgen ihres Verhaltens außerhalb ihrer Einflußnahme erlebt ("Glück gehabt, Zufall") , z.B. auch unter der Kontrolle anderer Personen. Dieses Konstrukt ist genuin eine bedürfnisübergreifende Erwartung

Das dritte Konstrukt ist die Variable 'Zwischenmenschliches Vertrauen' und folgendermaßen eingeführt: Im Kontext der sozialen Lerntheorie ist zwischenmenschliches Vertrauen als eine Erwartung definiert, die ien Individuum darüber hegt, daß man sich auf das Wort, Versprechen etc. eines anderen Individuums oder einer Gruppe verlassen kann.

Kritik:

- Die soziale Lerntheorie - stark mit dem Begriff Entwicklung verknüpft - ist mehr eine Prozeßtheorie als eine Strukturtheorie der Persönlichkeit. Strukturell ist die Theorie nicht konzeptioniert genug, z.B. erklärt sie kaum die kogniten Voraussetzungen der Kompetenz wie Intelligenz oder Kreativität. Die Theorie hat Defizite in ihrer Ausgestaltung.
- Es wird auschließlich gelerntes menschliches Verhalten beachtet, keine Aussagen über genetische oder anlagebestimmte Voraussetzungen.
- Doiminanzverschiebungen der Bedürfnissysteme sind nicht erfasst worden. Z.B. geht ROTTER in seiner Theorie nicht weiter auf das Problem der Bewußtseinsentwicklung ein.
- ROTTER ist wertfrei in der Theorie, seine Theorie ist nicht in einen philosophisch-anthropologischen Rahmen gefaßt. ROTTER liegt nichts daran, seine Theorie anthropologisch zu fundieren und sich Gedanken darüber zu machen, warum dies oder jenes Verhalten geändert werden sollte. Trotzdem zeigt er bei "Internal versus External" deutlich eine bessere Bewertung für Internale Kontrollüberzeugungen.
Auch sind die von ihm eingeführten Klassifizierung von Bedürfnissen willkürlich und subjektiv gewählte Größen.


Die Theorie in Stichworten:
- Soziale Lerntheorie
- Transaktionaler Ansatz
- differential-psychologische Handlungstheorie, da Verhalten zielbezogen & kontextgebunden
- Gruppe der Erwartungs-Wert-Theorien
- ROTTERs konstruktivistische Position: = Konstrukt kann immer nur weiter präzisiert werden

7 Basisannahmen der Theorie
- UE= Interaktion Person- Umwelt
- Antireduktionistisch zu Konstrukten anderen Disziplinen
- Person als Ausgangspukt der Beschreibung manifest
- Zur Beschreibung ist ein Minimum an Entwicklungsniveau nötig für Organismus
- Persönlichkeit ist eine Einheit mit zunehmender Stabilität im Verhalten
- Verhalten hat einen Richtungsaspekt und wird aus dem Effekt der Verstärkungs- bedingungen erschlossen
- Kognitive Komponenete Erwartungskonstrukt durch Antizipation von Reaktionen

Molekulare Ebene (Konkretes)
Vier Konstrukte:
- Verhaltenspotential - E= bestimmtes Verhalten - Situation - Zusammenhang Verstärkung
- Erwartung
- Verstärkungsswert = Grad der Präferenz
- Psychologische Situation = Wie interpretiert, so bestimmt Verhalten

Molare Ebene (Komplexe von Verhaltensmustern >< Bedürfnis)
- Bedürfnispotential
- Bewegungsfreiheit (Befriedigbarkeit von Bedürfn. identisch)
- Bedürfniswert

Erwartungen können spezifisch und generalisiert sein.

6 Bedürfnisklassen:
- Anerkennung/Status
- Dominanz
- Unabhängigkeit
- Schutz/Abhängigkeit
- Zuneigung/Liebe
- Physisches Wohlbefinden
Alle Klassen sind erlernt

Neben spezifischen, generellen Verhaltens-Verstärker Erwartunguen problemlösende , generalisierten Verhaltens-Verstärker-Erwartung

Drei Spielarten der problemlösenden Verhaltens- Verstärker -Erwartungen
- Suche alternative Lösungswege
- zwischenmenschliches Vertrauen
- externe vs. interne Kontrollüberzeugung (bedürfnisübergreifende Erwartung)


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